Neuapostolische Kirche

Rückkehr zur Urgemeinde - Stammapostel ernennt Apostel

Wolf Stegemann. –  In Dorsten gab es bis 2010 drei neuapostolische Gemeinden: Holsterhausen (seit 1922), Hervest-Dorsten, Am Funkenberg (1927) und Wulfen, Hetkerbruch (seit 1971). Sie gehören zum 2005 reorganisierten Bezirk Dinslaken, der zwölf Gemeinden mit 2.100 Mitgliedern umfasst. 2010 wurden alle drei Dorstener Gemeinden fusioniert. Aufgrund schwindender Mitglieder hat die Neuapostolische Kirche ein Jahr später ihre beiden Standorte in Hervest und in Wulfen aufgegeben. Zentraler Ort ist nun die Kirche und das 1968 an der Zepellinstraße in Holsterhausen errichtete Gemeindehaus, das zu diesem Zeck für 500.000 Euro umgebaut und erweitert wurde. Die neuapostolische Gemeinde finanzierte die Umbaumaßnahme vom so genannten „Opfergeld“, das die rund 550 Gemeindeglieder in Dorsten entrichten, das sind zehn Prozent ihres Einkommens. Geleitet wird die Dorstener Gemeinde ausschließlich von Ehrenamtlichen. 14 Diakone, acht Priester, ein Evangelist und ein Hirte. Dorsten ist nun die größte Neuapostolische Gemeinde im Dinslakener Bezirk. In Dorsten gibt es auch einen Gemeindechor, der aus 60 bis 70 Sängerinnen und Sängern besteht.

Kirche 2012; Foto: Wolf Stegemann

Kirche an der Zeppelinstraßen in Holsterjhausen nach dem Umbau 2012; Foto: Wolf Stegemann

1911 erhielt Karl Lindner vom Stammapostel den Auftrag, in Dorsten eine Gemeinde zu gründen. Die 43 Mitglieder trafen sich in ihrem Gottesdienstraum an der damaligen Grenzstraße (heute Clemens-August-Straße), der einmal ein Stall gewesen war. 1927 zog die Gemeinde nach Hervest. Im Oktober 2011 feierte die neuapostolische Gemeinde in Dorsten ihr 100-jähriges Bestehen. Die neuapostolische Kirche ist eine 1860 aus den Katholisch-Apostolischen Gemeinden hervorgegangene christliche Religionsgemeinschaft. Sie versteht sich unter Berufung auf ihr Apostelamt als Fortsetzung der Urkirche. Geleitet wird die Neuapostolische Kirche von einem Stammapostel, der Apostel ernennt (derzeit weltweit etwa 230), die allein zur Schriftauslegung berufen sind. In Deutschland sind die Gemeinden überwiegend zwischen 1900 und 1935 entstanden. 2005 hatten sie insgesamt rund 372.000 Mitglieder. Damit ist die neuapostolische Kirche die viertstärkste christliche Konfession. Sie gilt allerdings als Sekte.

Die Neuapostolische Kirche wartet auf die Wiederkehr Jesus

Aktivisten der ersten Stunden in Dorsten 1911

Dorstener Mitglieder 1911

Keimzelle der Neuapostolischen Kirche war die „Allgemeine christliche apostolische Mission“, eine 1863 von den katholisch-apostolischen Gemeinden abgespaltene Gemeinschaft, aus der sich ab 1878 die Neuapostolische Kirche entwickelte. Sie sieht das in der urchristlichen Kirche noch vorhandene Apostelamt in ihrer Kirche wiederaufgerichtet. Zu ihren wichtigen Glaubensanschauungen gehört die Erwartung der Wiederkunft Christi in naher Zukunft. Die geistlichen Führer der neuapostolischen Kirche werden als „Apostel“ bezeichnet. Das Ziel der neuapostolischen Christen ist es, bei der Wiederkunft Christi in die ewige Gemeinschaft mit Gott geführt zu werden. Die Lehre basiert auf der Bibel, wobei das Gesamtverständnis des Evangeliums durch die Apostel interpretiert wird. Der Bibel wird eine besondere Autorität zugeschrieben, da sie durch vom Heiligen Geist inspirierte Menschen geschrieben wurde. In deutschsprachigen Ländern wird die Lutherbibel verwendet, seit 1998 die 1984er Revision. Lehre und Verkündigung dürfen nicht im Widerspruch zu den Aussagen in der Bibel stehen. Dies auszulegen und zu überwachen ist den Aposteln vorbehalten.

Organisation und Struktur der Gemeinden

Die Neuapostolische Kirche unterscheidet zwischen Amt und Beauftragung. Die Ordination von Ämtern erfolgt ausschließlich durch Apostel an Männern. Die neuapostolische Kirche ist in Gebietskirchen aufgeteilt, die – rechtlich selbstständig – von Bezirksaposteln geleitet werden. Mehrere Gebietskirchen können von einem Bezirksapostel geleitet werden; sie werden dann als Bezirksapostelbereich bezeichnet. In Deutschland gibt es zehn Gebietskirchen in sechs Bezirksapostelbereichen. Rechtlich sind die Gebietskirchen in Deutschland Körperschaften des öffentlichen Rechts. Dorsten gehört zum Bezirk Dinslaken, dem Jürgen Follmann als Bezirksältester vorsteht. Gemeindevorsteher und Hirte der Dorstener Gemeinde ist Michael Nehrke (Stand 2013). Die Neuapostolische Kirche, in Deutschland (noch) als Sekte qualifiziert, gibt verschiedene Zeitschriften heraus, unterhält Hostienbäckereien, karitative Einrichtungen, ein Unternehmerforum und soziale Netzwerke.

WAZ-Titel von .......

WAZ-Titel vom 30. September 2011 mit dem Gemeindevortsteher in Holsterhausen

Der Stammapostel diente sich dem Nationalsozialismus an

Wie viele andere kleine Organisationen und Vereine ging auch die Neuapostolische Kirche mit dem nationalsozialistischen Regime Kompromisse ein, auch wenn die christlichen Grundsätze der neuapostolischen Kirche dem Weltbild des Nationalsozialismus grundlegend widersprachen. Während den Zeugen Jehovas mit ihrer Glaubensstärke dem menschenverachtenden Regime widerstanden haben und für ihr Seelenheil Verfolgung, Gefängnis, Konzentrationslager und Tod in Kauf nehmen mussten, passten sich die Neuapostolischen dem NS-Regime nicht nur an, sondern vertraten öffentlich auch deren Positionen. In welchem Umfang nationalsozialistische Ansichten verbreitet und die Einstellung angepasst wurde, und ob dies aus Angst vor Repressalien oder aus eigenem Antrieb geschah, ist bis heute Streitpunkt zwischen Mitgliedern und Kritikern der Neuapostolischen Kirche.

Johann Gottfried Bischoff (1891-1960)

Johann Gottfried Bischoff (1891-1960)

Im Jahre 1933 wurden alle neuapostolischen Gemeinden kurzfristig verboten. Der damalige zum Stammapostel berufene Johann Gottfried Bischoff, der in die NSDAP eingetreten war,  versuchte, gute Beziehungen zum nationalsozialistischen Regime aufzubauen, um die Aufhebung der Verbote zu erwirken. Am „Tag von Potsdam“ predigte Bischoff, dass jetzt der von Gott gesandte Führer gekommen sei. Den Text der Ansprache ließ er in die Reichskanzlei schicken. In einem Rundschreiben an die neuapostolischen Amtsträger vom 25. April 1933 erklärte Bischoff, dass es bei Eintrittsgesuchen von Mitgliedern gut sein werde, „die Personalien solcher Personen der zuständigen Ortsgruppe der NSDAP zur Nachprüfung vorzulegen“ und ihre Aufnahme erst nach dem Vorliegen einer Unbedenklichkeitsbescheinigung der NSDAP zu vollziehen. Im Titel der kircheneigenen Zeitschrift „Wächterstimme aus Zion“ wurde Anfang 1934 das hebräische Wort „Zion“ gestrichen. In der kircheneigenen Zeitschrift wurden 1940 anlässlich eines Reiseberichtes von Bischoff Sätze gedruckt wie:

„Schwarze und Juden steigen auf der sozialen Leiter immer höher, sie verdrängen mit ihrer billigen Arbeitskraft den besser bezahlten Weißen auch aus Stellungen, die dem Weißen allein zustehen sollten … Das farbige Element ist zum Angriff übergegangen …“

Über das Verhältnis der Mitglieder der Neuapostolischen Kirche zu den nationalsozialistischen Behörden in Dorsten liegen keine Erkenntnisse vor.

Nachkriegszeit war die „Botschaftszeit“ – Heute in Afrikas weit vervreitet

Stammapostel Richard Fehr (seit 1988)

Stammapostel Richard Fehr (seit 1988)

Zu Weihnachten 1951 verkündete Stammapostel Johann Gottfried Bischoff, belastet durch seine Kooperation mit dem Nationalsozialismus, in einem Gottesdienst in Gießen, dass Jesus Christus zu seinen Lebzeiten wiederkommen werde. Diese Verkündigung ist innerkirchlich unter dem Begriff „Botschaft“ bekannt geworden. Der Stammapostel führte sie später auf eine unmittelbare, persönliche Offenbarung zurück. Die Neuapostolische Kirche erlebte dadurch eine tiefe Krise, aus der mehrere neue Gruppierungen hervorgingen. Bischoffs Aussage wurde zum neuapostolischen „status confessionis“. Als der Stammapostel 1960 starb und von ihm angekündigte Wiederkunft Jesu nicht eingetreten war, wurde seitens des Apostelkollegiums geäußert, Gott habe „seinen (durch Stammapostel Bischoff geäußerten) Willen geändert“. Bis heute hat sich die Neuapostolische Kirche von dieser Auffassung nicht distanziert, stellt es aber ihren Mitgliedern frei, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Der Tod des Stammapostels Bischoff löste einen langsamen Wandel aus, der beispielsweise die „Eigenverantwortung“ der Mitglieder für das Seelenheil hervorhob. Heute kann man von einem „progressiven“ und einem „konservativen“ Flügel in der Neuapostolischen Kirche sprechen. Nur noch 5 Prozent aller weltweiten Mitglieder sind heute noch Europäer. Der weitaus größte Teil der neuapostolischen Christen lebt in Afrika.


Siehe auch:
Religionsgemeinschaften

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