Maifeier

Der 1. Mai: Gesetzlicher „Feiertag der nationalen Arbeit“ seit 1933

Maifeier auf dem Marktplatz 1949

Maifeier auf dem Marktplatz 1949

Maifeiern stammen aus heidnischer Zeit und hatten damals viel mit Jahresfruchtbarkeit, mit Gestirnen und wohltätigen Zauberkräften zu tun gehabt. Im Christentum wurde auch dieser Brauch im Christentum übernommen, wie so viele andere heidnische Sitten, die mit christlichem Etikett versehen wurden. In Dorsten hielt im 17. Jahrhundert am 1. Mai die Elementarschule ihren „Maigang“ ins nahe Lippetal. Eltern, Lehrer, Geistliche, Ratsherren und Gildemeister zogen mit ihnen. 1632 verbot die Stadt Dorsten die Maifeiern, um auch den städtischen Barloer Busch vor dem Abschlagen der „Mai-Bäume“ zu schützen, mit denen Straßen und Häuser geschmückt wurden. Dennoch hat sich der Brauch des Mai-Feierns bis zur Wende um das Jahr 1900 erhalten. Der größte und schönste Maibaum wurde auf dem Marktplatz eingepflanzt, mit bunten, fliegenden Bändern geschmückt, des Abends mit Lämpchen erleuchtet und von alt und jung umtanzt. Die Mitte des Ringelreihens bildete die Maienkönigin, mit Blumensträußen in den Händen, einen Blütenkranz durch das Haar geflochten. Dazu wurden eigens für diesen Tag bestimmte Lieder gesungen:

„Maibrut, de kömt herut
Alhir, aldaor, al seker, al saor
Al sin, al sin, al Rosmarin.
Set de Brut de Krone op
Set se wier af, af, af! […].“

Kirchenglocken läuteten den Mai ein

Der Rat musste immer wieder „den Busch verwahren“ lassen, um die Entwendung der jungen Birken zu verhüten. Trotz mancher Verbote stellten Junggesellen weiterhin Maibäume auf, Schulkinder traten weiterhin ihren „Maigang“ an und die Kirchenglocken läuteten am Vorabend den Mai ein, was auf den Brauch der Walpurgisnacht zurückgeht, wo die Hexen zum Blocksberg eilten und auf der Rückkehr viel Unheil anrichteten. Das Läuten, das die ganze Nacht anhielt, sollte sie fernhalten. Kinder zogen mit geschmückten Mai-Bräuten in ihrer Mitte von Haus zu Haus und baten um Gaben. Weiterziehend sangen die Kinder:

„Maibrut, die kömt herut
Laot us nich lange staon,
laot us en Huesken wider gaon!“

Maifeier zum Kinderspiel geworden

Mai-Plakat 1919

Mai-Plakat 1919

Mit der Zeit ist vor allem in Dorsten der ursprüngliche Maibrauch zum reinen Kinderspiel geworden, aus dem die Natursymbolik vollends verschwand. Die Mai-Baum-Sitte hatte es schwer, über Jahrhunderte hinweg erhalten zu bleiben. Immer wieder verbot der Bürgermeister diese Sitte, die aber immer wieder erneut auftauchte. Während der Freiheitskriege gegen Napoleon blühte der Brauch wieder auf, weil der Mai-Baum als „Freiheitsbaum“ angesehen wurde. Prof. Paul Sartori schreibt in seinem Buch „Westfälische Volkskunde“: „Die Gymnasiasten wanderten am Ende des Schulhalbjahres nach altem Brauch zu einem Bauern der Umgegend, um eine junge Birke zu holen, die unter dem Geläute der Glocken als Symbol der Ferienfreiheit auf dem Marktplatz eingepflanzt wurde. Als aber im Herbst 1835 der Oberpräsident von Vincke durch Dorsten kam, den Baum sah und seinen Zweck erfuhr, befahl er die sofortige Entfernung des ,Freiheitsbaumes’.“ In dieser reaktionären Zeit nach den Befreiungskriegen, als die Freiheit von den Herrschenden wieder zurückgenommen wurde, hatte das auch eine zurücknehmende Auswirkung auf den Brauch des Mai-Baums.

Im Nationalsozialismus wurde die Sonne mit dem Hakenkreuz vereint

NS-Plakat zum 1. Mai

NS-Plakat zum 1. Mai

Erst die Nationalsozialisten belebten wieder den Brauch der Maifeiern und beriefen sich dabei als Begründung auf heidnisch-germanische Sitten. Frühlingsglaube, Frühlingssonne, das plötzliche Erwachen der Natur, das Feuer- und Sonnenrad (Hakenkreuz) mussten herhalten, um den 1. Mai als „Ehrentag der deutschen Arbeit“ zu verschönern. In Dorsten entstand ein „Frühlingszug“, um den sich besonders der pensionierte Petrinum-Schulleiter Dr. Joseph Wiedenhöfer einsetzte, der 1936 im „Vestischen Kalender“ den 1. Mai im Sinne der NS-Ideologie als nationalsozialistische Geburtstätte umdeutete. Denn er wirkte bei der Einführung eines neuen nationalsozialistischen Brauches des „Jugendzuges“ mit, der die Maifeier schon 1933 nationalsozialistisch neu beleben sollte. Von seiner Choreographie wurde nur ein Teil realisiert: An der Spitze des Zuges liefen frühlingsgeschmückte „wandernde, singende, spielende Knaben und Mädchen mit Trommeln, Pfeifen, Geigen und Mandolinen“. Auf einem reich bekränzten Flachwagen, dem „Sonnenwagen“ war eine große Fahne mit einem goldenen „Hakenkreuz auf himmelblauem Grund in einem großen grünen Kranz mit goldgelben Blumen“ angebracht. Darunter war der „Sonnenjüngling“, ein 16- bis 18-jähriger Junge in goldenblauem Gewand zu sehen, dahinter je zwei weiße Engelsgestalten, die durch goldene und silberne Diademe den Mond und die Planeten darstellten. Dahinter liefen 20 bis 25 Paare Knaben mit Birkenkränzen geschmückt. In den Händen trugen sie Birkenzweige, die die durch die Sonne erweckten Naturkräfte darstellten. Auf einem weiteren Festwagen stand unter einem geschmückten Baldachin das Mai-„Brautpaar“ im Hochzeitsschmuck, etwa achtjährige Kinder. Zum Brautgefolgte gehörten bis zu 25 Paare geschmückter Mädchen. In der Nähe des Marktplatzes blieb der Wagen stehen und die beteiligten Kinder führten nun ein Sprech- und Sing-Spiel über die Dorstener „Maibrut“ auf. Dabei wurden traditionelle Texte verwendet, aber zum Schluss nationalsozialistische Propaganda eingeflochten, indem der Sprecher auf die Hakenkreuzfahne wies und sagte:

„Heil deutsche Sonne, siegend Licht!
Durch das Gewölk der Neider bricht!“
Daraufhin wiederholte der Gesamtchor diese Zeilen singend.

Wandzeichnung im ehem. Heimatmuseum

Wandzeichnung im ehem. Heimatmuseum

Dr. Joseph Wiedenhöfer war zufrieden mit den Aufführungen, zweifelte aber selbst daran, dass sich die Maifeier in dieser oder ähnlicher Form einbürgern könnte. Er bewunderte die Schönheit und Vollkommenheit seiner Aufführung, sprach den Dorstenern aber das „Verständnis“ dafür ab. Er lobte aber auch. Vor allem die Mädchen, war allerdings  mit den Jungen nicht ganz zufrieden, wenn er schreibt:

„Der Erfolg dieses und des vergangenen Jahres beruhte wesentlich auf der Bereitwilligkeit und dem Schönheitssinn der beteiligten Mädchen der Volksschulen. Schwer zu überwinden war die Sprödigkeit der Knaben, denen Bekränzung und Schmückung des eigenen Körpers und die rechte Einfühlung sichtlich Überwindung kostete.“

Hakenkreuz als Mai-Zeichen im Heimatmuseum

In seiner Betrachtung verstieg sich der alternde Schuldirektor in der Feststellung, dass „der so versinnbildlichte Naturfrühling (gemeint ist sein „Frühlingszug“) wiederum Symbol [ist] für den neuen Menschenfrühling, für den Wiederanhub hoffungsvollen Menschenschaffens und Wirkens…“ (nicht anders zu deuten, als dass er damit den Nationalsozialismus meinte), denn er berichtet weiter: „Dass endlich unser Sonnensinnbild mit dem Hakenkreuzzeichen erscheint, bedeutet eine dritte Stufe der Versinnbildlichung oder Symbolik“ – und Dr. Wiedenhöfer spricht „von göttlichem Wirken in der Seele des Einzelnen wie im Geist und Drang des einer Bestimmung entgegen ringenden Volkes…“

Im 1935 wiedereröffneten Heimatmuseum am Markt war die Wand beim Treppenaufgang zum ersten Stock mit einem Bild bemalt, das eine Szene aus diesem heute (und vielleicht auch damals schon) komisch wirkenden „Frühlingszug“ zum 1. Mai darstellte: Mädchen tanzen am Markt um einen Mai-Baum und einer hält das bekränzte Hakenkreuz in der Hand. Am 1. Mai 1939, dem Tag der Arbeit,  wurde der Dorstener Teppichweberei Stevens und Schürholz (DeKoWe) als nationalsozialistischer Musterbetrieb die Goldene Fahne der Deutschen Arbeiterfront (DAF) überreicht. – Die Feiern zum 1. Mai haben sich bis heute in unterschiedlichen Varianten erhalten, meist als „Tanz in den Mai“ und als politischer Tag der Gewerkschaften. Und für alle als Feiertag.

1. Mai 1933: Nachts die „Hitler-Eiche“ umgeknickt

Erst die Nationalsozialisten machten den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag, zum „Feiertag der nationalen Arbeit“, indem sie sich die Ziele der gewerkschaftlichen Arbeitersolidarität einverleibten. Der 1. Mai war für die Nationalsozialisten immer ein Anstoß für große pathetische Reden.

Auch in Dorsten und den umliegenden Gemeinden wie Holsterhausen fanden große Umzüge statt. Für 200 Reichsmark kaufte die Stadt Hakenkreuzfahnen und die „Dorstener Volkszeitung“ schrieb: „Es liegt Frühlingsschimmer über Deutschland und es sei, als ob der Himmel das Füllhorn des Lenzes zum Feiertag der nationalen Arbeit ausschütten wollte.“ In Dorsten lud die NSDAP die Senioren zu Kaffee und Kuchen in die Gaststätte Koop ein und veranstaltete am Abend einen „aus mehreren tausend Teilnehmern“ bestehenden Fackelzug ins Lippetal Dort sprach der Reichsreferent für Kirchenangelegenheiten und rief die versammelte Jugend zum Eintritt in die Hitlerjugend auf. In Hervest war es ähnlich. Auf dem Platz vor der Schachtanlage wurden Fahnen und Reden geschwungen und auf dem Adolf-Hitler-Platz (Brunnenplatz) dröhnte die Übertragung der Rede des Führers.

1. Mai-Umzug 1934 mit den Herren Freitag und August Kottendorf an der Badeanstalt

1. Mai-Umzug 1934 mit den Herren Freitag und August Kottendorf an der Badeanstalt

August Keller knickte die Eiche um

In Holsterhausen marschierten Korporationen und Vereine zum Friedensplatz und von dort aus in geschlossenem Zug zum Gottesdienst in die Kirchen. Am Nachmittag hielt der Vorsitzende des Österreichisch-deutschen Volksbundes eine „flammende Rede über Deutschlands Wiedergeburt“, die mit einem Sieg-Heil auf Adolf Hitler und „das ganze deutsche Vaterland“ ausklang. Danach formierte sich unter Leitung der SA ein Festzug durch die Gemeinde zum Marktplatz. Das war der heutige Antoniusplatz zwischen Breslauer Straße, Wennemarstraße und Antoniusstraße, der bis 1945 noch Adolf-Hitler-Platz hieß. Dort wies NSDAP-Ortsgruppenleiter Dietz auf die Denkwürdigkeit des 1. Mai hin und pflanzte eine „Hitler-Eiche“. Dietz verkündete, dass von nun an der Marktplatz „Hitlerplatz“ heißen solle. Danach nahm der Gemeindevorsteher die „Hitler-Eiche“ in die Obhut der Gemeinde und versprach, „sie zu hegen und zu pflegen“. Sie wurde allerdings nicht alt, um Wurzeln zu schlagen. Noch in der Nacht knickten Unbekannte sie um. „Eine nationale Schandtat“ nannte es anderntags die „Dorstener Volkszeitung“. Die Feier schloss auch hier mit einem Sieg-Heil auf Reichspräsident und Kanzler sowie einem Fackelzug. Nach dem Krieg wurde der Holsterhausener bekannt, der die Eiche umknickte: August Keller. Am folgenden Tag besetzten Polizei, SA und SS in ganz Deutschland alle Häuser und Büros der Gewerkschaften, verhafteten die Funktionäre, die zum Teil in Konzentrationslager oder Gefängnisse gebracht wurden. Der „Völkische Beobachter“ titelte am 3. Mai 1933: „Der Nationalsozialismus übernimmt die Führung der deutschen Arbeiterpartei.“ In Hervest und Holsterhausen waren zu diesem Zeitpunkt bereits die Gewerkschaften zerschlagen und gleichgeschaltet, ihre Funktionäre entweder in Haft oder untergetaucht.

Nach dem Krieg blieb der 1. Mai als Feiertag erhalten

Mai-Plakat 1946

Mai-Plakat 1946

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der 1. Mai 1946 durch den Alliierten Kontrollrat bestätigt. Maikundgebungen durften jedoch nur eingeschränkt durchgeführt werden. Der 1. Mai ist in der Bundesrepublik nach den Feiertagsgesetzen der Länder ein gesetzlicher Feiertag. Die amtliche Bezeichnung in Deutschland ist durch Gesetze der einzelnen Länder geregelt. In Nordrhein-Westfalen z. B. ist der 1. Mai offiziell Feiertag als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“. In der DDR und anderen sozialistischen Ländern wurde der 1. Mai als „Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ begangen und auf die Traditionen der internationalen Arbeiterbewegung verwiesen. Die Teilnahme an den Demonstrationen mit dem Vorbeimarsch an der Tribüne mit führenden Parteimitgliedern und anderen Ehrengästen war für Betriebe und Schulen im Allgemeinen eine Pflichtveranstaltung.

Aus dem Brauchtum hat sich der „Tanz in Mai“ erhalten

Seit den 1980er-Jahren gab es neben den politischen organisierten Demonstrationen auch regelmäßig Ausschreitungen, vor allem im Zusammenhang mit der Demonstration zum 1. Mai in Berlin-Kreuzberg. Darüber hinaus gibt es seit 2001 den internationalen EuroMayDay, dessen zentrales Anliegen ist, den verschiedenartigsten Formen von Prekarisierung in Arbeit und Leben einen Ausdruck zu geben, die durch die klassischen Institutionen der Arbeiterbewegung und der Linken nicht (mehr) organisiert werden. Gänzlich unpolitisch blieb aus all den Gebräuchen und unterschiedlichen politischen Zeiten erhalten: Der Tanz in den Mai.

Maifeier 2016 im Bereich Maria Lindenhof von Ordnungskräften überwacht

Seiten einigen Jahren treffen sich zum 1. Mai meist Jugendliche im Bereich Maria Lindenhof zwischen Kanal und Lippe. Mit rund 1.500 Menschen besuchten 2016 deutlich weniger die Veranstaltung. Im Vorfeld bewerteten die Behörden das Treffen als potentiell gefährlich. Erwartet wurden Krawalle. Entsprechend war das Aufgebot an Polizei, an Mitarbeitern des Ordnungsamtes und des Jugendamtes, um die auf dem Gelände bei so genannten „Gefährdungsansprachen“ einschreiten zu können. Doch es blieb friedlich. Polizei und Ordnungsamt konnten am Schluss der Veranstaltung „keine besonderen Vorkommnisse“ melden. Lediglich ein 15-Jähriger musste vorsichtshalber vorübergehend ins Krankenhaus gebracht werden.


Quellen:
Dr. Josef Wiedenhöfer „Die Dorstener Maifeier“ in „Vestischer Kalender“, Recklinghausen  1937. – Wolf Stegemann „Holsterhausen unterm Hakenkreuz“, Bd. 1, 2007. – Wikipedia, Online-Enzyklopädie.

Literatur:
P. Sartori „Westfälische Volkskunde“, Dortmund  1921. – G. Strotkötter „Die Festgebräuche in Dorsten und seiner Umgebung“, Dorsten 1908. – Prof. Paul Sartori „Westfälische Volkskunde“, Leipzig 1922.

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