Machtübernahme 1933

Verbote, Verhaftungen, Gleichschaltung und Wettlauf in die NSDAP

Händedrück zwischen dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler besiegelt die Diktatur am 30. Januar 1933

Der Händedrück zwischen dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler besiegelt die Diktatur am 30. Januar 1933

Von Wolf Stegemann. – Die nationalsozialistische Propaganda prägte den Begriff „Machtergreifung“. Hitler war entschlossen, die Republik zu zerschlagen und eine Diktatur zu errichten. Das NS-Schlagwort wird bis heute verwendet. Genauere Betrachter aber unterscheiden die „Machtübernahme“ 1933 von der folgenden „Machtergreifung“ durch Ausschaltung aller Widerstände bis hin zur Vereinigung der Ämter des Regierungschefs und des Reichspräsidenten in der Hand Hitlers als Führer und Reichskanzler im August 1934. Fernsehen gab es noch nicht und Radiogeräte waren Anfang 1933 noch nicht weit verbreitet. Daher informierten sich die Bürger über die aufregenden Ereignisse Anfang 1933 vor allem aus den Zeitungen. In Dorsten war es die „Dorstener Volkszeitung“, aus der die Dorstener erfahren konnten, welche Ergebnisse die Wahlen brachten und welche Folgen sie im Reich, in der Region und in der Stadt hatten.

Das katholische Zentrum erhielt die meisten Stimmen

Dorstener Volkszeitung vom 7. März 1933

Dorstener Volkszeitung vom 7. März 1933

Während die Machtübernahme in Berlin am 30. Januar 1933 über 700.000 Menschen auf die Beine brachte, fand sie auf lokaler Ebene kaum Resonanz. Dies änderte sich peu a peu bis einschließlich März. Am 5. März waren die letzten freien Reichstags- und Landtagswahlen. Bei der Wahl zum Reichstag bekam in Dorsten das katholische Zentrum 43,9 Prozent, die NSDAP 30,1 Prozent, die SPD 4,5 Prozent, die Kommunisten 7,6 Prozent und die SPD 4,5 Prozent. In Hervest kam das Zentrum auf 27,1 Prozent der Stimmen, die NSDAP auf 26,8 Prozent, die Kommunisten auf 24,3 Prozent und die SPD bekam 8,9 Prozent. Auch in Holsterhausen vereinigte das Zentrum mit 34,4 Prozent die meisten Stimmen auf sich, gefolgt von den Kommunisten mit 29 Prozent, der NSDAP mit 16,6 Prozent und der SPD mit 13,6 Prozent. Am 7. März berichtete die „Dorstener Volkszeitung“, dass in einer „halsbrecherischen Arbeit“ auf öffentlichen Gebäuden in der Nacht vom 3. auf den 4. März von „SA-Leuten Hitler-Flaggen“ gehisst worden seien. Dies an den Postämtern in Hervest-Dorsten, an den beiden Rathäusern in Dorsten, auf dem Bahnhofsgebäude und auf den Zechentürmen. Die Polizei holte diese zu dem Zeitpunkt noch illegal gehissten Fahnen wieder herunter, worauf ein SA-Trupp erschien und die Fahnen erneut hisste. „Sie erklärten dabei, die Flagge solle für immer hängen bleiben.“ Am 12. März fanden Kommunalwahlen statt. In der Abgeordnetenversammlung erhielt das Zentrum zehn und die NSDAP sechs Sitze.

„Dorstener Volkszeitung“ mahnte auch Verfassungsbruch an

Gleichschaltung

Gleichschaltung

Im Berliner Reichstag schaffte sich die Demokratie durch Mehrheitsbeschluss selbst ab. Am 23. März 1933 votierte der Reichstag mit den Stimmen der NSDAP, der nationalen Parteien und des katholischen Zentrums mit dem „Ermächtigungsgesetz“ dafür, Hitler und seine NSDAP zur unumschränkten diktatorischen Macht im Staat zu machen. Dieses und schnell darauf folgende Gesetze – wie das „Gleichschaltungsgesetz“, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das Gesetz über die „Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens“ u. a. – waren die legale Grundlage für staatliche Verfolgung, Beraubung, Ausgrenzung und Mord durch Polizei, Finanzämter, Militär usw. Der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte fand bereits am 1. April statt, auch in Dorsten.  Die „Dorstener Volkszeitung“, seit Bestehen „Sprachrohr“ von Zentrum und Kirche, begründete am 26. März in einem Kommentar den Schwenk auf den NSDAP-Staat mit christlichen Motiven und mahnte Verfassungsbruch an:

„Dem Ergebnis des 5. März musste auch parlamentarisch Rechnung getragen werden. Diesem Volksvotum durfte […] die Minderheit [nicht mit einem] Versteifen auf Verfassungsbestimmungen […] Widerstand leisten. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Diese Erklärung (Jesu Christi!) ist für den Christen zu seiner Einfügung in die staatliche Ordnung maßgebend geworden…“

Die von der KPD in den letzten freien Wahlen gewonnenen Mandate durfte sie „per Verordnung“ der Regierung nicht besetzen. Polizei und mit ihnen zu Hilfspolizisten erklärte SA-Männer nahmen schon vor der Wahl und gleich nach der Wahl im März mehrere kommunistische Funktionäre fest und brachten sie ins Gefängnis. Die Dorstener Volkszeitung titelte ihre Meldungen darüber u. a. mit „Hervest – Kommunist Ossa festgenommen“ (8. März). Die Gewerkschaften wurden am 2. Mai zerschlagen und die SPD am 22. Juni verboten.

Ein Wettlauf der Altstadt-Dorstener in die NSDAP

"Flaggenstreit" zwischen NSDAP und Zeitung; 8. bzw. 10. Oktober 1933 in der DV

„Flaggenstreit“ mit der NSDAP;  8. / 10. Oktober 1933 in der DV

Auf die Dorstener NSDAP und ihre Gliederungen wie SA und SS fand im März ein regelrechter Wettlauf statt. 680 Mitgliedsanträge lagen der NSDAP in der Altstadt vor, 654 neuen Mitgliedern wurde im Gesellenhaus feierlich das Parteibuch überreicht, darunter an prominente Mitglieder des Zentrums wie Rechtsanwalt Nordmann und Dipl.-Kaufmann Paul Schürholz. In den Gemeinden Hervest und Holsterhausen war es nicht anders, so dass die NSDAP vorübergehend einen Aufnahmestopp verfügte. Dazu NSDAP-Ortsgruppenleiter Ernst Heine in einem Brief vom 18. April: „Bald haben wir sie klein“ und „Jetzt kommen sie angekrochen, die schwarzen Seelen!“ Die katholische Kirche arrangierte sich mit dem Regime. Pfarrer Ludwig Heming verkündete dies in seiner Neujahrspredigt am 1. Januar 1934 von der Kanzel in St. Agatha (Auszug):

„Wäre es nicht ein Jammer, wenn wir Katholiken  mit verschränkten Armen am Wege stehen und nur zuschauen wollten? Nein! Zugreifen Mitarbeiten! Aufbauen helfen! Das war unsere Parole im alten Jahr, so muss es auch im neuen sein. Aufrechten Hauptes und festen Schrittes sind wir Katholiken in das  neue Reich eingetreten. Wir sind bereit, ihm zu dienen…“

Zeitung rief unermüdlich dazu auf, die neuen Fahnen zu zeigen

Der „Aufbruch in eine neue Zeit“ war auch im Rathaus vorgezeichnet. Die NSDAP zog mit Fritz Köster, bislang Dorstener NSDAP-Ortsgruppenleiter, als besoldeter Beigeordneter ins Amt ein. Eine von ihm eingesetzte Sonderkommission überprüfte die Dienstbereiche des Bürgermeisters und unliebsamer Kommunalbeamter, um mit „nachgewiesenen Unterschlagungen“ sie aus den Ämtern zu hebeln. Bürgermeister Lürken wurde durch den Nationalsozialisten Dr. Gronover ersetzt und das öffentliche Leben gleichgeschaltet. Lehrer wurden als Propaganda- oder Schulungsleiter in den Dienst der NSDAP genommen, dem sie – den Ergebnislisten zufolge – auch gerne nachkamen. Bei Umzügen von SA und SS mussten die Dorstener am Straßenrand die Hand zum Hitlergruß erheben. Wer dies nicht oder nicht schnell genug tat, wurde unter Umständen mit Androhung oder auch Ausführung körperlicher Gewalt dazu gezwungen. Die „Dorstener Volkszeitung“ rief unermüdlich dazu auf, die neuen Fahnen an den Fenstern zu zeigen.

Pater Braun hörte auf der Straße „Schmerzensschreie der Misshandelten“

Die Reaktion auf die am 5. März stattgefundenen Reichstagswahlen erlebte der Dominikanerpater Odilo Braun (1899 bis 1981) in Dorsten. Er war später von 1941 bis 1945 führendes Mitglied im Ausschuss für Ordensangelegenheiten der Deutschen Bischofskonferenz. Im März 1933 war er zu Besuch im Franziskanerkloster. In der Biografie über ihn heißt es:

Der Pater stellte sich – „im Unterschied zu vielen katholischen Christen – und auch vieler seiner Mitbrüder im Dominikanerorden – gegen das nationalsozialistische Regime“. […] „Braun benannte später wiederholt die Erlebnisse, die ihm den Unrechtscharakter des Dritten Reiches schlagartig geoffenbart hätten: am Abend des 5. März 1933, dem Tag der Reichstagswahl, übernachtete er im Franziskanerkloster in Dorsten, das gegenüber vom Polizeipräsidium lag. Nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse, so Braun, ,tat sich die Hölle auf. SA-Horden schleppten ihre Opfer herbei’. Die Nacht sei erfüllt gewesen ,von dem Gejohle der Schläger, von den Schmerzensschreien der Misshandelten’.“

Was Pater Braun als „Polizeipräsidium“ bezeichnete, war das Rathaus im ehemaligen Schulgebäude des Gymnasium Petrinum, das an der Ecke Klosterstraße/Westgraben stand, also unmittelbar gegenüber dem Kloster. Im Rathaus war die Polizei untergebracht gewesen.

Tusche-Zeichnung von Tisa von der Schulenburg

Tusche-Zeichnung von Tisa von der Schulenburg

Terminus technicus: Machtergreifung oder Machtübergabe?

Wenngleich er sich als verbindlicher terminus technicus bis heute im wissenschaftlichen Diskurs gehalten hat, herrscht in der historischen Forschung weitgehende Einigkeit, den ursprünglich von der NS-Propaganda als „Machtergreifung“ bezeichneten Vorgang der schrittweisen, scheinlegalen Auflösung aller demokratischen Strukturen der Weimarer Republik und der Ersetzung dieser Strukturen durch ein totalitäres Terrorregime unter Betonung des prozessualen Charakters eigentlich treffender mit den Begriffen der „Machtübergabe“ oder der „Machttransformation“ bezeichnen zu müssen.

Der Begriff „Machtergreifung“ suggeriert das von der nationalsozialistischen Propaganda beabsichtigte kämpferische Bild einer einschneidenden plötzlichen Revolution, die ohne jede, in Teilen unfreiwillige, Hilfe anderer Machtgruppierungen ihr Ziel erreichte.
Bleibt der zerstörerische Beitrag der Hitlerbewegung im Hinblick auf die Strukturen der Weimarer Republik unbestritten, gibt es mittlerweile auch über die Tragweite der aktiven Teilhabe reaktionär-konservativer – im Falle der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes auch liberaler und christlicher – Kreise bei der unmittelbaren Machtübertragung an Hitler Konsens. So erscheint der 30. Januar.1933 keineswegs als der epochale Bruch, mit dessen Beginn sofort die gesamte Macht unkontrolliert und unausweichlich in die Hände einer vollständig außerhalb jeder geistig-politischen Kontinuitäten stehenden Machtgruppierung gelegt wurde, sondern vielmehr als der Beginn eines von mehreren Seiten gewollten Transformationsprozesses von der Demokratie in einen autoritären Staat, in dessen Verlauf sich nur die radikalste, entschlossenste und skrupelloseste Seite durchsetzen konnte.

– Dr. Ernst Grotenbom


Quellen:
Gespräch W. Stegemann mit Odilo Braun 1978 anlässl. der Tagung „Wissenschaftler und Widerstandskämpfer auf der Suche nach historischer Wahrheit“ im Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld. – Wolf Stegemann (Hg): „Dorsten unterm Hakenkreuz. Der gleichgeschaltete Alltag“, Dorsten 1985. – Biografisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XVII, Sp. 171-1975, Autor: Elias H. Füllenball. – Website des Dominikanerordens, Provinz Teutonia (2011).

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