Hakenkreuzschmierereien

„Dumme Jungen“-Streiche? Unbedachte Provokationen? Bewusste Aussagen?

Von Wolf Stegemann – An Häuserwänden, einer Litfass-Säule und Imbissbude sowie auf Autos haben an einem Wochenende im Oktober 2020 Unbekannte in Dorsten-Hervest mit rötlich-pinker Farbe Hakenkreuze gesprüht. Ob dies eine politisch motivierte Tat oder ein mieser „Dimmer-Jungen-Streich?“ war, ist noch nicht bekannt. Der Staatsschutz wurde eingeschaltet. Besudelt wurde auch die Hausarztpraxis von Nader Kayali und Dr. med. Frank Theißen. Auch der Mediziner entdeckte auf dem großen Hinweisschild vor seiner Praxis an der Glück-Auf-Straße ein fettes Hakenkreuz, in hellvioletter Farbe. Zuerst wollte er das Hakenkreuz als Mahnmal der Schande stehenlassen, doch dann übersprühte er es mit schwarzem Lack (folgendes Foto) .

Ursulinen-Schülerin bemalte Türschild des jüd. Museums mit Hakenkreuz

Hakenkreuz-Schmierereien gibt es seit langem überall in der Bundesrepublik, die meisten in den Ostbundesländern und in Mittel-Hessen. In Dorsten gibt es seit Jahren ebenfalls immer wieder Hakenkreuzschmierereien und auch Bedrohungen mittels Hakenkreuzen. Als Dirk Hartwich und der Autor dieses Artikels 1981 anfingen, erstmals die Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt Dorsten aufzuarbeiten, was dann die „Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz“ unter Leitung des Journalisten Wolf Stegemann über Jahre hinweg weiterführte, erhielt Wolf Stegemann drei Male anonyme Drohbriefe mit Hakenkreuzen versehen und eine Hakenkreuz-Schmiererei an seiner Garagenwand Mitte der 1980er-Jahre. Die Täter blieben unbekannt. Nachdem 1992 das Jüdische Museum – eine Initiative dieser Forschungsgruppe –, eröffnet wurde, wurde mit Filzstift ein Hakenkreuz an das Museumsschild am damaligen Eingang gemalt. Die Polizei ermittelte eine Schülerin des Gymnasiums St. Ursula und bewertete dies als „unbedachte Provokation“ gegen die damalige Museumsleiterin, die vordem Schulleiterin des Gymnasiums St. Ursula war und eine jüdische Mutter hatte.

In Dorsten gibt es auch antisemitische Hakenkreuzschmierereien

Die folgende Auflistung der Dorstener Hakenkreuzschmierereien macht betroffen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. – Im Februar 1993 wurden in Dorsten zehn Autos sowie die Praxis eines jugoslawischen Arztes in der Innenstadt mit Hakenkreuzen, SS-Runen und ausländerfeindlichen Parolen besprüht. Im Vorfeld des Dorsten-Besuchs des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, beschmierte ein 20-Jähriger Wände mit Hakenkreuzen. Als im Jahre 2007 eine Gruppe Nordiren aus Newtownabbey Gäste der der evangelischen Martin-Luther-Gemeinde in Holsterhausen war, besuchte sie unter Führung von Wolf Stegemann den jüdischen Friedhof an der Hasselbecke. Dort war ein neu gesetzter Grabstein – der alte wurde in der NS-Zeit entwendet – mit einem Hakenkreuz geschändet, was bis zum Besuch der Gruppe unbemerkt geblieben war. Die Hakenkreuzschmiererei erst im Beisein der nordirischen Gäste zu bemerken, war für die begleitenden Dorstener Gastgeber eine peinliche Situation. Im Oktober 2016 wurden an mehreren Stellen im Stadtgebiet Hakenkreuze und fremdenfeindliche Äußerungen auf Wände an der Crawleystraße und des Parkhauses am Konrad-Adenauer-Platz gesprüht. Auch wurden Plakate mit fremdenfeindlichen Inhalten an Wänden angebracht. Der Staatschutz ermittelte. Ende des Monats Oktober wurden in Wulfen-Barkenberg gleich mehrere Hauswände, Briefkästen und Gehwege im Bereich Himmelsberg und Barkenberger Allee von einem Graffitisprüher mit Schriftzeichen- und Hakenkreuzschmierereien versehen. Betroffen waren der Bereich Himmelsberg und die Barkenberger Allee. Zeugen sahen den Schmierer, einen jungen Mann, und konnte ihn bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Ende April 2019 sprühten unbekannte Täter Graffiti an die Wände des Gymnasium Petrinum, unter anderem auch Hakenkreuze. Ebenso in einer Nacht Ende April 2019 schmierten Unbekannte an der Grünen Schule an der Talaue zahlreiche Graffiti. Neben den Schriftzügen „NSDAP“ und „ACAB“ wurden ein Davidstern und ein abgeänderte Hakenkreuze an zahlreiche Gebäudeteile gesprüht. Auch hier hatte der Staatsschutz hatte die Ermittlungen aufgenommen. Unbekannte Täter sprühten zwischen dem 19. und 20. Juni 2020 Graffiti wieder an das Gymnasium Petrinum. Unter anderem wurden die Wände mit Hakenkreuzen beschmiert. Und – wie eingangs beschrieben – besudelten im Oktober 2020 Unbekannte in Hervest Hauswände und die Praxisschilder der Ärzte.

Auch in Nachbargemeinden gibt es immer wieder solche Schmierereien

In den benachbarten Gemeinde von Dorsten wie Recklinghausen, Marl, Gladbeck, Essen, Raesfeld, Wesel gab und gibt es Hakenkreuzschmierereien wie in Dorsten, mal mehr mal weniger. Und in Gelsenkirchen weitaus die meisten (siehe unten). In Gladbeck waren im September 2018 an mehreren Stellen rechtsextreme Symbole aufgetaucht. Einmal wurden die Symbole eingeritzt, ansonsten waren Hakenkreuze auf Häuser, ein Wartehäuschen, eine Moschee, die Wand einer Unterführung und die Scheiben eines türkischen Supermarktes geschmiert worden. Ebenso hatte der Staatsschutz wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen, da ebenfalls im September in Recklinghausen Stolpersteine überklebt wurden. Stolpersteine erinnern an Opfer des Holocaust, die darüber geklebten Folien sahen so ähnlich aus. Auf ihnen waren aber die Namen von Frauen aufgedruckt, die aktuell mutmaßlich Opfer von Flüchtlingen gewesen sein sollen. Die Folien konnten entfernt werden, ohne dass die Stolpersteine beschädigt wurden.

Darstellung des Hakenkreuzes in welcher Form auch immer ist strafbar

Immer wieder stellen sich die Polizeibehörden, Staatsschützer, Städte und Gemeinden sowie Gerichte und Historiker die Frage, warum Hakenkreuze geschmiert werden, ob politische Aussagen oder „Dumme-Jungen-Streiche“ dahinterstecken. Das nationalsozialistische Deutschland hatte das Hakenkreuz zu seinem Symbol und zum Zeichen der eigenen Unmenschlichkeit gemacht. Unter diesem Zeichen wurden von 1933 bis 1945 bekannterweise Bürger beraubt und vertrieben, Verbrechen jeglicher Art begangen und sechs Millionen Juden ermordet. Daher wurde nach 1945 das Darstellen des Hakenkreuzes in welcher Form auch immer verboten und bestraft. Selbst wer sich ein Hakenkreuz auf den Körper tätowieren lässt und es öffentlich zeigt, macht sich strafbar. Das Hakenkreuz war verfemt und wurde – außer in wissenschaftlichen Dokumentationen – auch nicht mehr dargestellt, auch nicht on Schmierereien – bis 1959.

Europaweit Aufsehen erregende Schmiererei an Kölner Synagoge

Am Heiligenabend 1959 wurde die Kölner Synagoge von zwei Mitgliedern der damaligen Reichspartei geschändet (Foto). Auf Sorgfalt kam es den beiden Männern nicht an. „Deutsche fordern Juden raus“ schmierten sie mit weißer Farbe hastig auf die Außenmauer der Synagoge, die der Bundeskanzler erst wenige Monate zuvor eingeweiht hatte. Dann hinterließ das Duo noch ein paar knallrote Hakenkreuze und goss schwarze Farbe über ein Denkmal für NS-Opfer in der Nähe. Radio RIAS meldete „Mit Entsetzen vernahm nicht nur die deutsche Bevölkerung, auch das Ausland die Nachricht von der Schändung der eben erst wieder aufgebauten Kölner Synagoge und des Kölner Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus.“ Die Tat erregte internationales Aufsehen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Heinz Galinski, kommentierte: „Die Synagogenschändung in Köln stellt eine Kette unliebsamer Ereignisse in der Bundesrepublik dar. Die Warnungen, die von unserer Seite in letzter Zeit erhoben wurden, sind immer wieder verniedlicht worden.“ Noch herrschte in weiten Teilen der Bundesrepublik eisiges Schweigen über die NS-Verbrechen. Der Kalte Krieg hatte die Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte überlagert. Die Bundesregierung warf der DDR vor, dass sie zu diesen Taten angestiftet habe. Tatsächlich unternahm der Staatssicherheitsdienst der DDR viel, um Westdeutschland als Hort von Naziverbrechern international in Verruf zu bringen. Bis heute ist die These verbreitet, dass die Stasi bei den Hakenkreuzschmierereien 1959 den Pinsel geführt habe. Belege dafür gibt es allerdings bisher nicht. Bundeskanzler Adenauer konzentrierte sich ganz auf die politischen Weichenstellungen für die Zukunft und vermied die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Nach der Kölner Tat zählten die Behörden binnen von Wochen 700 solcher Taten. Bundesweit verschandelten Nachahmungstäter Gräber und Hauswände, beschimpften jüdische Mitbürger oder plakatierten nazistische Aufrufe. Zu ähnlichen Vorfällen kam es in London, Tel Aviv, Paris und New York. „Wenn man die Meldungen aneinanderreiht, könnte man meinen, eine weit verstreute Brigade des Teufels habe Urlaub genommen und sei auf uns losgelassen worden“, erklärte Berlins Bürgermeister Willy Brandt: „Wir haben alle miteinander Grund, uns zu schämen.“

Bundeskanzler Adenauer: „… und gebt ihm eine Tracht Prügel“

Am 16. Januar 1960 gab Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Rundfunkerklärung zu der Schändung in Köln ab, die unter dem Titel „Im deutschen Volk hat der Nationalsozialismus keine Wurzel“ für die Printmedien veröffentlicht  wurde. Er wandte sich an alle Bundesbürger: „Wenn ihr irgendwo einen Lümmel erwischt, vollzieht die Strafe auf der Stelle und gebt ihm eine Tracht Prügel“, sagte er und fügte an: „Das ist die Strafe, die er verdient.“ Bundespräsident Heinrich Lübke ging in seiner Rede am 3. Februar noch weiter: „Ich kann mir gar nicht vorstellen“, sagte er, „dass solche Menschen, die in aller Heimlichkeit im Dunkel der Nacht ihre Schmutzereien anbringen an Gebäuden und Denkmalen, die anderen heilig sind, normal sein können.“ Unter dem Eindruck der Hakenkreuzschmierereien an jüdischen Einrichtungen verabschiedete der Bundestag 1960 ein Gesetz gegen Volksverhetzung. Die Debatten um die NS-Vergangenheit bekamen eine neue Qualität. Die beiden Täter vom Heiligabend 1959 wurden allerdings nur wegen Sachbeschädigung verurteilt – zu zehn beziehungsweise 14 Monaten Haft. Zwar ebbte die „Schmierwelle“ Anfang Februar 1960 ab, sie veränderte die Bundesrepublik jedoch nachhaltig: Rund ein Jahr nach dem spektakulären Ulmer Einsatzgruppenprozess und kurz vor der Entführung des später in Israel hingerichteten Holocaust-Organisators Adolf Eichmann bildete sie den Wendepunkt im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Innenminister Schröder (CDU) stellte damals öffentlich die Frage, „ob wir den nach 1945, insbesondere seit der Bildung der Bundesrepublik 1949, eingeschlagenen Weg ohne Beeinträchtigung fortsetzen können.“

Das Hakenkreuz steht für menschenverachtende Verbrechen

Wer heute Hakenkreuze schmiert und diese Schmierereien als „Dumme-Jungen-Streiche“ ausgibt oder wahrnimmt, sollte dennoch den „dummen Jungs“ erklären, was das Hakenkreuz bedeutet. Auch das Lehrpersonal in Schulen, die mit Hakenkreuzen beschmiert werden, sollte immer wieder auf die schlimme Bedeutung des Hakenkreuzes hinweisen, ganz gleich wer die Schmierereien an der Schule begangen hat. Hilfreich dabei könnte die Online-Dokumentation „Dorsten unterm Hakenkreuz“ sein, in der neben den nationalsozialistischen Ereignissen in Dorsten zwischen den Jahren von 1933 bis 1945 auch die menschenverachtende Symbolik des Hakenkreuzes und anderer NS-Zeichen umfassend dargestellt ist.

 Zum Schluss informativer Blick in die Nachbarschaft Gelsenkirchen 2020:

 April 2020: Unbekannte Graffiti-Sprayer beschmierten in der Nacht von Sonntag, 19. April, auf Montag, 20. April, mehrere Objekte in den Stadtteilen Buer und Erle. Die Farbschmierer brachten dort überwiegend Hakenkreuze in roter Farbe auf. Betroffen sind unter anderem ein Tor am Polizeipräsidium, ein Schild am Klinikum Bergmannsheil, eine Mauer an der Kurt-Schumacher-Straße Ecke Schernerweg, ein Schild eines Vereins an der Adenauerallee und ein Schild am Parkplatz Schloss Berge.

  1. 11. Mai 2020: Unbekannte Graffiti-Sprayer haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag etwa ein Dutzend Objekte sowie Gebäude in den Stadtteilen Erle, Bulmke-Hüllen und Ückendorf besprüht. Die Farbschmierer brachten dort Hakenkreuze und unterschiedliche Schriftzüge mit rosa-pinker Farbe auf. Die meisten Taten (9) ereigneten sich in Erle. Betroffen waren unter anderem Unterführungen, Haus- und Grundstücksmauern, Fahrzeuge sowie Stromkästen.
  2. Mai 2020: Unbekannte Graffiti-Sprayer beschmierten in der Nacht von Dienstag, 19. Mai, auf Mittwoch, 20. Mai, mehr als ein Dutzend Objekte und Gebäude im Stadtteil Erle. Die Farbschmierer brachten dort Hakenkreuze, Runen und unterschiedliche Schriftzüge mit schwarzer oder pinker Farbe auf. Die meisten Taten ereigneten sich im Bereich Adenauerallee.
  3. Juni 2020: Am Samstag, 6.Juni 2020 gegen 18 Uhr erhielt die Polizei Gelsenkirchen Kenntnis über den Umstand, dass bislang unbekannte Täter/innen, auf dem Gelände der alten „Kokerei Hassel“ Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen hinterlassen haben. Insgesamt wurden fünf handflächengroße Hakenkreuze sowie ein entsprechend verfassungswidriger Schriftzug in Höhe der Straße „Am Freistuhl“ auf die dort verlegten alten Gasrohrleitungen der Kokerei aufgeschmiert.
  4. Juni 2020: Unbekannte Graffiti-Sprayer beschmierten in der Nacht von Freitag, 19. Juni, auf Samstag, 20. Juni, mehrere Objekte im Stadtgebiet. Die Farbschmierer brachten dort Hakenkreuze, Runen und unterschiedliche Schriftzüge mit schwarzer Farbe auf. Betroffen waren unter anderem eine Mauer des jüdischen Friedhofs an der Wanner Straße, ein Tor des Polizeipräsidiums, eine Mauer an der Trabrennbahn sowie die Hauswand eines Gebäudes der Sozialistischen Jugend Deutschlands.
  5. Juni 2020: Unbekannte Graffiti-Sprayer beschmierten in der Nacht von Samstag, 20. Juni, auf Sonntag, 21. Juni, erneut mindestens fünf Objekte mit verfassungsfeindlichen Symbolen in den Stadtteilen Buer und Erle. Die Farbschmierer brachten dort Hakenkreuze und Schriftzüge mit schwarzer Farbe auf. Betroffen waren Mauern und eine Straßenbahnhaltestelle.

Siehe auch: www.dorsten-unterm-hakenkreiz.de
Siehe auch: Holsterhausen unterm Hakenkreuz
Siehe auch: Dorsten unterm Hakenkreuz

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