Geschichte der Stadt (Essay)

Von einer mächtigen Handelsstadt zum kleinen Landstädtchen

Alte Holzbrücke, abgebrochen 1927

Alte Holzbrücke, abgebrochen 1927

Das 14. und 15. Jahrhundert – Dorstens Blütezeit. Dorstens Geschichte lässt sich rechnerisch einfach messen am Maßstab der Jahrhunderte. Historiker behaupten und meinen, es belegen zu können, dass die für den Fortschritt wichtigen Ereignisse meist stattfinden, wenn ein Jahrhundert zur Neige geht. Der Saft begänne dann zu gären. Wie auch immer, das Kirchdorf Dorsten erhielt die Stadtrechte 1251 vom Kölner Landesherrn, dem Bischof Konrad von Hochstaden. In der Stadt, die sich nun befestigen durfte, lebten rund 80 Menschen. Es waren Kaufleute, die den hl. Nikolaus zum Stadtpatron machten und außerdem die hl. Katharina, denn wer weiß, wozu der doppelte Versicherungsschutz noch notwendig sein würde. In den dunklen Jahren der Pest und der vielen anderen Krankheiten, Naturunbilden und Kriegen konnte man gar nicht genug Heilige haben.

Graf Konrad von Hochstaden

Graf Konrad von Hochstaden

Dorstens Standort am Lippe-Übergang prägte in jenen und späteren Jahrhunderten die Stadt und ihre Bürger. Sie wurde wegen ihrer Lage und ihres Holzreichtums Schiffbauer- und Handelsstadt, sogar Hansestadt der untersten Kategorie. Die umliegenden Gemeinden, die erst 1975 zu Dorsten kommen sollten, waren dörflich. Die Bauern hatten ihre Herren auf Schloss Lembeck, die nicht selten mit den Dorstenern in Fehde oder juristischem Streit lagen. Wegen ihres Besitzes und ihrer Rechte nördlich der Lippe lag die Stadt auch mit ihren adeligen Nachbarn aus dem Münsterland immer wieder im Streit. 1382 gelang den Dorstenern ein bedeutender Sieg über die Knechte des Hermann von Merfeld. Acht Dorstener Bürger mussten im Kampfgetümmel ihr Leben lassen. Dieser Sieg sollte jedes Jahr bis 1777 gefeiert werden. Erst im 18. Jahrhundert endeten die Streitereien mit dem nördlichen Nachbarn, den Herren auf Lembeck. Diese steten Auseinandersetzungen sollten das besondere Verhältnis der Stadt zur Herrlichkeit Lembeck durch Jahrhunderte hinweg belasten.

Holzschnitt von Everz

Die Lippebrücke, Holzschnitt von Heinrich Everz

Hinaus in die Fremde, der Bildung entgegen

Die strategische Lage Dorstens brachte es mit sich, dass die Stadt häufig in die Fehden auch der anderen angrenzenden Länder und ihrer Herren mit hineingezogen wurde. So nutzte 1301 der Graf von Kleve einen Zollstreit, den Dorstens Kölner Landesherr mit dem Kaiser hatte, um die Stadt zu überfallen und die Mauern zu zerstören.

Etliche Dorstener Bürger verließen ihre Stadt, um sich als Studenten an fernen Universitäten zu tummeln. In der Prager Immatrikulationsrolle des 14. Jahrhunderts sind einige Studenten aus Dorsten verzeichnet. 1370 wurde ein Gerardus de Dorsten Baccalar der freien Künste, Johannes Dursten steht in gleicher Eigenschaft unter dem 11. Dezember 1378. Tydericus de Dorsten bestand sein Baccalar-Examen am 18. September 1381, Weihnachten 1382 ist in den Verzeichnissen der Name Bruno Dorsten als Baccalar der freien Künste und ein Jahr später ein Bertramus Dorsten genannt. Ziemlich eingehend wird über Johannes Tyderich de Dorsten berichtet, dem 1385 die Magisterwürde verliehen wurde. Aus dem 15. Jahrhundert ist schon mehr zu erfahren von den Gelehrten aus Dorsten, die an Universitäten in Erfurt und Köln zu magnifizenten Würden kamen.

Die Gründung des Franziskanerklosters gegen Ende des 15. Jahrhunderts beeinflusste nicht nur die Stadt, sondern auch das Geistesleben überall dort, wo Dorstener Mönche hinkamen. Besonders die Hussitenkriege von 1419 bis 1436 und die Soester Fehde von 1444 bis 1449 hatten den Bürgern durch Truppendurchzüge und Kampfhandlungen schwere Lasten aufgebürdet. 1445 lag in Dorsten eine kurkölnische Besatzung, die vorbeiziehende klevische Soldaten überfiel. Die Klever gewannen das Scharmützel und nahmen in Dorsten hundert Bürger als Geiseln mit nach Soest. Das Jahrhundert endete mit der Entdeckung Amerikas. Ein neues, aber für die Menschen kaum besseres Zeitalter brach an.

Hexenverbrennung 1555

Hexenverbrennung 1555

Das 16. Jahrhundert – Raubende Heerhaufen. In den Reformationswirren des 16. Jahrhunderts bewährte sich Dorsten als das stärkste Bollwerk der katholischen Partei im Vest Recklinghausen. Das prägte die Stadt bis ins 19. Jahrhundert, manche sagen bis heute. Als der Kölner Erzbischof Gebhard II, Truchsess von Waldburg, im Jahre 1582 Protestant wurde und den neuen Glauben in seinem Vest mit Gewalt einzuführen gedachte, hielten ihn die Dorstener Mauern auf.Der Krieg zwischen Spanien und Holland von 1581 bis 1609 brachte erneut drückende Not durch raubende und kämpfende Heerhaufen beider Parteien. Der Fernhandel kam in dieser Zeit völlig zum Erliegen. Zwischendurch versuchte der Truchsessianer Johann Philipp von Oberstein noch einmal, der Reformation in Dorsten zum Siege zu verhelfen. Er wurde 1588, nachdem er schon in die Stadt eingedrungen war, zurückgeschlagen. Die Frauen und Jungfern der Stadt wehrten die Angreifer ab, warfen Steine und Unrat auf sie, so dass sie flüchten mussten. Im gleichen Jahr ließ die angesehene Dorstener Bürgerin Margarethe Burich als Hexe auf der Folterbank ihr Leben und 1597 prügelten die Kriegsknechte des Herrn auf Schloss Lembeck Dorstens Bürgermeister Heinrich Palen zu Tode. Ein Jahr darauf eroberten die Spanier die Stadt.

Ursulinenkloster, Stahlstich von .........

1699 gegründete Ursulinenkloster (romantisierte Darstellung, Stahlstich)

Das 17. Jahrhundert – Niederlagen und Siege. Endete das 16. Jahrhundert für Dorsten mit Krieg, Mord und Hexenwahn, so fanden die Menschen auch im 17. Jahrhundert nicht zum Frieden. 1618 begann zwischen den protestantischen Fürsten und der katholischen Liga ein Krieg, der dreißig Jahre dauern und sich auf Mitteleuropa ausdehnen sollte. Dorsten blieb aufgrund der strategischen Lage mit dem Lippeübergang davon nicht unberührt. 1625 wurden kurkölnische Truppen nach Dorsten verlegt, die der Stadt allerdings keine Sicherheit gaben. 1633 gelang den protestantischen Hessen, die Stadt zu erobern. Dorsten wurde Waffenarsenal für die großen Schlachten zwischen König Gustav Adolf von Schweden und Tilly. Die Franziskaner mussten die Stadt verlassen, ihr Kloster wurde Zeughaus. Zwei Jahre später griffen kaiserliche Truppen die Stadt an, wurden aber von den Hessen zurückgeschlagen.

Merian-Stich Festung Dorsten 1642

Merian-Stich Festung Dorsten 1642

Nach einer drei Monate langen Belagerung und Beschießung der Stadt mit 30 Kanonen durch den kaiserlichen Feldmarschall Graf Hatzfeld wurde die Stadt von den Protestanten „befreit“. Doch ganz gleich, welche Soldaten gerade die Stadt in Besitz hatten – die Bürger litten an Krankheiten und Hunger. Doch nicht nur Kriegsereignisse beherrschten das Jahrhundert: 1642 gründeten die Franziskaner in Dorsten eine Schule, das spätere Gymnasium Petrinum, und nach Beendigung des Dreißigjährigen Kriegs richtete die Preußische Post Kleve-Berlin bei Dorsten eine Poststation ein. Dorsten, deren Festungsmauern 1674 auf Befehl des Kölnischen Kurfürsten geschleift wurden, war durch die Fernstraßen, die über die Lippebrücke führten, an die große Welt angeschlossen. Das hielt die Bürger allerdings nicht davon ab, mit ihrer Stadt in den Dauerschlaf eines unbedeutenden Landstädtchens zu fallen. Ein Jahr vor der Jahrhundertwende befassten sich die Bürger mit zwei erregenden Ereignissen in ihrer Stadt. Zwei Gräfinnen von Nesselrode fuhren mit der Kutsche vor und gründeten das Ursulinenkloster mit einer Mädchenschule, ein heute noch renommiertes Gymnasium, und der Henker flocht auf dem Richtplatz einen Dorstener aufs Rad, der als Menschenfresser nicht nur in die Dorstener Kriminalgeschichte einging.

Schlacht von Königgrätz, Gemälde von Georg Bleibtreu

Österreichischer Erbfolgekrieg, Schlacht von Königgrätz, Gemälde von Georg Bleibtreu

Das 18. Jahrhundert – Not und Bedrängnis. Nach den Ausblutungen des vergangenen Jahrhunderts durch lang dauernde und bedrückende Einquartierungen begann mit dem neuen Jahrhundert auch die Verarmung und Verschuldung der Bürger. Zudem ließ das Ende des Fernhandels kein Wachstum der Gemeinde zu. Die traditionsreiche Stadt der Großkaufleute wurde zu einer ländlich strukturierten Ackerbürgerstadt. Da Dorstens wehrhafte Festungsmauern abgetragen waren, war die Stadt feindlichen Überfällen schutzlos ausgesetzt. Im Winter 1734/35 waren es preußische Einquartierungen, nach Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekriegs im Winter 1741/42 kamen französische, dann hessische Truppen, im Januar und November 1745 holländische, Ende 1749 hannoversche Soldaten. Der Siebenjährige Krieg ruinierte die Stadt vollends, wobei die Kriegsparteien auch die Stadt zu ihrem Schlachtfeld machten. Dorsten wurde beschossen, verteidigt, aufgegeben, geplündert. Dennoch hatte Dorsten die Kraft, eine innerstädtische weit reichende Reform durchzusetzen. 1781 wurde die Verwaltung reformiert und die Herrschaft der Gilden beendet.

Revolutionskrieg Frankreich, Gemälde von Vernet

Revolutionskrieg Frankreich, Gem. von Vernet

Neue Bedrängnis brachte die Französische Revolution nach Dorsten. Zunächst rückten Hannoveraner in die Stadt ein, in die sich viele französische Emigranten niederließen, dann musste die Stadt den vor den Franzosen flüchtenden Kürfürsten und kölnisch-münsterschen Landesherrn, Bischof Maximilian Franz, mit Gefolge beherbergen. Im Herbst und Winter 1794 quartierten sich österreichische Truppen ein, die Bevölkerung litt in diesem Winter, den sie „Kaiserwinter“ nannten, die höchste Not. Ein Jahr später rückten preußische Soldaten ein, und die Stadt wurde zeitweise Standort des Agitationskomitees belgischer Emigranten, die von hier aus eine Erhebung gegen die Revolution betrieben. Der Wechsel zum 19. Jahrhundert war geprägt von politischer Unruhe, militärischer Bedrängnis und von großer sozialer Not.

Kriegrdenkmal "Germania" erinnerte an den Krieg 1870/71

Das 1896 errichtete Kriegsdenkmal “Germania” erinnerte an den Krieg 1870/71; rechts Abbau 1929

Das 19. Jahrhundert – Bruch der Tradition. In diesem Jahrhundert fanden weit reichende Brüche mit dem Überkommenen statt. Technischer Fortschritt und Industrialisierung hoben Dorstens ackerbürgerlichen Fundamente aus den Angeln, die Säkularisation und der Kulturkampf erschütterten die katholische Lebensart in der Stadt. Politische Umbrüche fegten Jahrhunderte lange Rechte und Traditionen weg. Doch der „Code Napoléon“ gab den Bürgern ab 1809 mehr Rechte. Juden durften nach einem Jahrhunderte langen Aufenthaltsverbot wieder in der Stadt leben. Dorstens Bedeutungslosigkeit hielt an. Dennoch erschien in der Stadt mit dem „Argus“ die erste Zeitung im Vest, eine kritische zudem.

Westfalen in französischer Zeit

Westfalen in französischer Zeit

Da die geistlichen Fürstentümer 1803 und dann die Landstände aufgehoben wurden, bekam die Stadt gleich zu Anfang des Jahrhunderts einen neuen Landesherrn, den Herzog von Arenberg. Dorsten wurde aber 1911 dem Großherzogtum Berg zugeteilt, welches von Napoleons Schwager Murat regiert wurde. Wieder erlitten die Bürger Durchmärsche und Einquartierungen. Die große Heerstraße Paris-Hamburg, die über Wesel, Schermbeck und Wulfen führte, brachte etwas Entlastung. 1813 wurde Dorsten Standquartier zuerst der Franzosen, die beim Rückzug die Lippebrücke zerstörten, dann des Befehlshabers der alliierten Nordarmee. Nach deren Abzug rückten die Preußen in die Stadt.

Nach dem Wiener Kongress wurde Dorsten preußisch, bekam ein Stadt- und ein Land- bzw. Kreisgericht, ein Gefängnis und eine Poststelle, hatte 2.300 Einwohner. Die Städteordnung wurde revidiert, aus der politisch verschwundenen Herrlichkeit Lembeck und dem Vest entstand der Kreis Recklinghausen, zu dem Dorsten gehörte. Die Schulpflicht wurde eingeführt und die wenigen evangelischen Bürger durften nach langem Hin und Her ihre Kinder auf eine eigene evangelische Schule schicken. Die Dampfschifffahrt auf der Lippe, die Eisenbahn, ein reger Postlinienverkehr sowie einige Fabriken veränderten das Jahrhundert und damit die Stadt, aus der immer mehr Bürger im fernen Amerika ein besseres Leben zu finden suchten.

Zeche Baldur in Holsterhausen um 1912

Zeche Baldur in Holsterhausen um 1912

Das 20. Jahrhundert – Ende und Anfang. Dorsten wurde Zechenstadt. In den noch selbstständigen Gemeinden Holsterhausen und Hervest entstanden für die vielen polnischen Einwanderer Zechensiedlungen. Dorstens Poahlbürger grenzten sich zu diesen Nachbargemeinden mit dem Spruch „Jenseits des Jordans“ ab – gemeint ist die Lippe –, wo die „Polaken“ wohnten. Nach dem Niedergang des Schiffbaus und Handels sowie mancher Fabriken lebten auch die Dorstener vom Bergbau. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen mit den Spartakisten, der Roten Ruhrarmee sowie mit den Freikorps schwere Wochen auf die Dorstener Bürgerschaft zu. Es wurde gemordet, hingerichtet und geschossen, wobei sich beide Seiten nichts schuldig blieben. Im Inflationsjahr 1923 besetzten belgische Soldaten Dorsten. Die Bürger leisteten passiven Widerstand, bis die Ruhr-Besatzer 1925 das Stadtgebiet wieder räumten. Dorsten hatte 8.800 Einwohner. Zz-Zweiter Weltkrieg-Ende,Hitlerspruch1933 hatten die wenigen Nationalsozialisten keine Probleme, die schwarze Zentrumsstadt braun zu färben. Die einst geachteten jüdischen Bürger wurden vertrieben und die Verbliebenen 1942 in Todeslager deportiert. 1943 entstand aus den Bergbaugemeinden Holsterhausen und Hervest-Dorsten sowie der Stadt Dorsten durch Vereinigung „Groß-Dorsten“. Acht Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner legten alliierte Flugzeuge den Dorstener Stadtkern in Schutt und Asche. Dorsten überstand Krieg und Nachkriegszeit mit Schuld und Verdrängung, Hunger und Not, Flüchtlingen und Wiederaufbau – wie viele andere Städte auch. – In der Kommunalen Neuordnung wurden 1975 die umliegenden selbstständigen Landgemeinden Rhade, Lembeck, Deuten, Wulfen und Altendorf-Ulfkotte der Stadt Dorsten eingegliedert. Damit wuchs die Einwohnerzahl auf über 66.000. Heute leben rund 78.000 Menschen in der Stadt, die zu acht Partnerstädten in sieben Ländern freundschaftliche Beziehungen unterhält: Crawley in England, Dormans und Ernée in Frankreich, Newtownabbey in Nordirland, Waslala in Nicaragua, Rybnik in Polen, Hod Hasharon in Israel und Hainichen in Sachsen.

Das 21. Jahrhundert – was wird es bringen? Keine guten Aussichten: An der Schwelle des dritten Jahrtausends bedrohen Arbeitslosigkeit, völlige Überschuldung der Stadt, einschneidende Sparmaßnahmen, die Folgen der Zechenschließung, gestiegene Strom- und andere Kosten sowie ein anhaltender Einwohnerschwund durch Wegzüge und weniger Geburten das soziale Gefüge der Stadt. – (Wolf Stegemann)

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