Alkoholismus (Essay)

In Dorsten verdoppelte sich die Alkoholsucht innerhalb von zehn Jahren

a-alkoholismus-quer-frauVon Wolf Stegemann – Der Alkoholismus ist eine Krankheit, die auch Alkoholkrankheit, Alkoholabhängigkeit, Äthylismus, Dipsomanie, Potomanie, Trunksucht oder Alkoholsucht  genannt wird. Fachlich gesprochen ist Alkoholismus die Abhängigkeit von der psychotropen Substanz Ethanol.

Die erste (bekannt gewordene) Welle hohen Alkoholkonsums war in Deutschland die so genannte Branntweinpest im 19. Jahrhundert. Bis heute schwankt der Verbrauch und wird häufig unterschätzt. Nachdem zu Beginn der 1990er-Jahre der absolute reine Alkoholverbrauch pro Kopf zurückgegangen war, hat er sich wieder erhöht. Jeder Deutsche über 15 Jahren konsumiert im Schnitt 11,8 Liter reinen Alkohol im Jahr, das entspricht rund 500 Flaschen Bier. Weltweit liegt der Alkoholkonsum  mit 6,2 Litern an reinem Alkohol nicht einmal halb so hoch. Auch in Europa wird weniger getrunken: 10,9 Liter reiner Alkohol jährlich. Hauptursache für den hohen Alkoholkonsum in Deutschland ist laut Suchtexperten der niedrige Preis (dpa).

Alkoholismus in Dorsten steigt – in zehn Jahren verdoppelt

Alkoholismus; Foto: dapd-Lukas BarthAlkohol ist und bleibt in Dorsten (und auch in Haltern) die Suchtdroge Nummer 1. Das geht aus dem Jahresbericht 2011 der von der Caritas im Verbund betreuten beiden Städte hervor. Das mag viele berühren, nicht aber den Stadtrat, die Stadtverwaltung und gesellschaftlich relevante Gruppen in Dorsten wie Parteien und solche, die das „Ja“ zu Dorsten sagen oder mit dem roten Herzen Dorsten lieben – auf englische Art –, und natürlich jene, die alkoholdurchdrängte Events, Altstadtfeiern und Schützenfeste veranstalten. Die Einnahme der Droge Alkohol ist gesellschaftlich nicht geächtet. Während das Rauchen mi8ttlerweile auf dem Weg zur Ächtung ist, wird fröhlich weiter getrunken und auch gesoffen. Denn der Staat hat dadurch 2,2 Milliarden Einnahmen durch Alkoholstuern jährlich sowie 2,5 Milliarden an Mehrwertsteuern, woran auch Land und Städte profitieren. 85.000 Menschen sind in der Alkoholindustrie beschäftigt, an deren Arbeitsplätzen nicht gerüttelt werden soll, und die setzt 15 bis 17 Milliarden Euro um. Ein Teil davon auf den Bierbörsen, Altstadt- und Schützenfesten in Dorsten. Von 2004 bis 2013 haben sich die Alkoholsüchtigen in Dorsten verdoppelt (Caritas-Suchtberatung).

Caritas Studie: Immer mehr Frauen greifen zur Flasche

Ein weiteres negatives Merkmal in der Statistik der Dorstener Caritas ist die hohe Zahl der suchterkrankten Frauen, die mit 38 Prozent in Dorsten über dem Bundesdurchschnitt liegt. Bei der Altersstufe der 40- bis 49-Jährigen sowie der 50- bis 59-Jährigen klettert sie sogar auf über 40 Prozent. Gestiegen ist aber auch die Zahl der Menschen, die 2012 Hilfe bei der Caritas-Beratungsstelle suchten: 890 Menschen nutzten das Informations-, Beratungs- und Behandlungsangebot (2010: 790; 2011 866). Aus Dorsten kamen dabei 550 Männer und Frauen. Nach der Alkoholsucht folgt mit weitem Abstand die Drogen- (18) und die Spielsucht (9). Doch nicht nur Gespräche, auch weitergehende Hilfestellungen fallen in den Aufgabenbereich der Caritas-Beratungsstelle. So konnten 145 Personen (104 Männer, 41 Frauen), in weitergehende Angebote vermittelt werden. 37 Klienten entschieden sich für eine stationäre Therapie, drei für eine tagesklinische Suchtbehandlung, 47 Personen nahmen weiterführende ambulante Behandlungsangebote in Anspruch, 20 wurden ins ambulant betreute Wohnen vermittelt. 38 Betroffene wählten andere Betreuungsformen (Selbsthilfegruppe, Psychotherapie, etc.).

Koma-Säufer werden immer jünger – Tendenz nimmt aber ab

Alkoholismus; KomasaufenIm Dezember 2013 meldete die „Dorstener Volkszeitung“, dass 2013 die Alkoholexzesse in Dorsten erneut gestiegen seien. Acht Jugendliche seien in jenem Jahr mit Vollrausch ins Elisabeth-Krankenhaus gekommen; ebenso viele waren es ein Jahr zuvor. Die Sucht- und Drogenhilfe der Dorstener Caritas prangerte auch das Koma-Saufen bei den 15- bis 18-Jährigen an. Das habe zugenommen, bei den Zehn- bis 15-Jährigen gebe es aber keine Zahlen. Doch hat die Tendenz von Jugerndlichen udn Minderjährigen zum Koma-Saufen 2013 zum Vorjahr um 11,4 Prozent abgenommen. 2003 gab es im Kreis Recklinghausen 135 Fälle (NRW 2.979), 2012 waren es noch 237 (NRW 6.174) und ein Jahr später 210 Fälle (NRW 5.267). Zu welchen arbeitsrechtlichen Problemen Alkoholismus führen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel einer Zwangsversetzung in den Ruhestand aus Dorsten, das in diesem Zusammenhang von allgemeinem Interesse sein dürfte:

"Ihr zu Füßen", Zeichnung von Imlauer 1883

„Ihr zu Füßen“, Zeichnung von Imlauer 1883

Der 54-jährige Lehrer an der privaten Ursulinen-Realschule in Dorsten hatte durch Alkohol bedingte Krankheits- und Fehlzeiten. Das Ursulinenkloster als Schulträger wollte dies nicht mehr akzeptieren und schickte ihm die Kündigung. Der Lehrer klagte im Mai 2012 gegen die Entlassung aus dem Schuldienst, die mit Gehaltskürzungen verbunden war. Das Arbeitsgericht Herne hob die Entlassung auf, weil das Kloster nach dem Beamtenrecht dem zu Entlassenen vor der „Zurruhesetzung“ eine „Anhörung“ hätte zuteil werden müssen. Zudem war die Kündigung formal nicht rechtens. Der Arbeitgeber musste die Gehaltskürzungen in Höhe von 5.400 Euro nachzahlen (AZ 3 Ca 3253/11). Bei der Berufungsverhandlung setzte das Herner Arbeitsgericht  im Oktober 2012 nach wenigen Minuten Verfahrensdauer einen Schlussstrich unter das Verfahren. Die Anwältin des Lehrers akzeptierte die vom beklagten Ursulinenkloster gleich zu Beginn des Kammertermins in Aussicht gestellte Vergleichslösung mit vorzeitiger Ruhestandsversetzung wegen Dienstunfähigkeit Ende 2012.

2014 wurden mit 194 stationären Fällen weniger Kinder und Jugendliche  im Kreis Recklinghausen mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht als 2013, wo es 210 Fälle waren. im Jahr 2012 sogar 237. Zwei Drittel der jungen Komasäufer haben sich  beim Trinken verschätzt: Sie experimentieren, trinken oft zum ersen Mal Alkohol, meist in Cliquen mit Jungen und Mädchen. Wenn es im Kreis Recklinghausen zur Alkoholvergiftung und Einlieferung in ein Krankenhaus kommt, landet etwa ein Drittel der Heranwachsenden in der Dattelner Kinderklinik.

Beratungen bei der Caritas und der Selbsthilfegruppe „Blaues Kreuz“

Neben der Suchtberatung der Caritas hilft der Verein „Blaues Kreuz“: 1996 gegründet, ist der Verein eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Alkoholproblemen und deren Angehörigen, die sich regelmäßig trifft und sich unter fachkundiger Leitung von Sozialarbeitern, Ärzten und Geistlichen mit den Problemen von Suchtkranken auseinandersetzt und Hilfe sucht.

Bierbörse-Veranstalter lädt jährlich zum Saufen nach Dorsten ein

a-Alkohol-BIERBOERSE_A3Der Veranstalter wirbt mit den eingängigen Slogans, so dass der Leser der Werbung den Eindruck bekommen muss, wie schön es doch sei, sich bei der Auswahl von 400 Biersorten aus aller Welt voll laufen zu lassen. Die „Dorstener Zeitung“ brachte es durch eine Umfrage bei den Biertrinkern und Biertrinkerinnen beim Bier-Event 2013 auf den Punkt: „Wie viele Biere trinkt der Bierbörsen-Besucher im Durchschnitt an einem Abend? Drei bis vier war die häufigste Antwort bei den Damen, vier bis fünf bei den Herren. Einigen Besuchern war aber anzusehen, dass sie sich diesem durchschnittlichen Trinkverhalten nicht unterordnen wollten.“ An der 2013 veranstalteten 4. Bierbörse in Dorsten kamen Tausende aus dem Ruhrgebiet, um im „größten Biergarten im Ruhrgebiet“ zu sitzen, was sich wegen des Massenandrangs „zur längsten Steh-Theke“ entwickelte (DZ vom 18. August 2013). Allerdings findet die Bierbörse in Dorsten nicht überall Zustimmung, da bereits das traditionelle Altstadtfest, das ebenfalls der private Veranstalter für Dorsten organisiert, schon längst zu einer Fress- und Trink-Fest verkommen ist. Daher dürfte die Stadt Dorsten mit dem jährlichen Biergelage in der Innenstadt keine Befürchtung haben, einen Ruf zu verlieren. Die Dorstener Zeitung über die „Bierbörse“ 2013: „Die Bewohner der Innenstadt mussten am Wochenende mit weniger Schlaf auskommen: ,Um halb fünf morgens zogen immer noch singende und grölende Gruppen an meinem Schlafzimmerfenster vorbei“, sagte ein Anwohner ein wenig genervt.“ Auch in den darauffolgenden Jahren war die groß organisierte Bierbörse in Dorsten immer ein Austragsort von Alhololismus und grölender Gewalt – nachzulesen in der Tageszeitung.

Alkoholsteuer zur Freude der Politiker; Fotozusammenstellung: dpa

Alkoholsteuer zur Freude der Politiker; Fotozusammenstellung: dpa

Alkoholismus in Deutschland

Übermäßiger Alkoholkonsum fordert in Deutschland  fast viermal so viele Opfer wie der Straßenverkehr. 2012 starben daran hierzulande 14.551 Menschen, davon 10.922 Männer.  Nach aktuellen Schätzungen gibt es zwischen 1,3 und 2,5 Millionen alkoholabhängige Menschen in Deutschland, davon 30 Prozent Frauen. Etwa 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in riskanter (gesundheitsgefährdender) Weise, nehmen also mehr als 24 g (Männer) bzw. 12 g (Frauen) reinen Alkohol pro Tag zu sich. Etwa 5,9 Millionen Bundesbürger konsumieren mehr als 30 g (Männer) bzw. 20 g (Frauen) täglich.
Quellen beziffern die Zahl der Toten durch Alkoholkonsum unterschiedlich. Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2000 über 16.000 Tote durch Alkoholkonsum; dabei trat der Tod in 9.550 Fällen durch Leberzirrhose ein. Das Deutsche Roter Kreuz berichtet von 40.000 Todesfällen, davon 17.000 an Leberzirrhose. Der Drogen- und Suchtbericht 2009 der Drogenbeauftragten der deutschen Bundesregierung spricht sogar von mindestens 73.000 Toten als Folge übermäßigen Alkoholkonsums in Deutschland (zum Vergleich: Drogentod durch illegale Drogen = 1.477 Fälle, Tod als Folge des Tabakrauchens = 110.000 Fälle).
Nach einer Studie der Berliner Charité trinken 58 Prozent aller Frauen während der Schwangerschaft Alkohol. 10.000 Kinder kommen alkoholgeschädigt zur Welt, davon 4.000 mit dem Vollbild des fetalen Alkoholsyndroms (FAS). Man schätzt, dass etwa 250.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren stark alkoholgefährdet oder schon abhängig sind. Nach einer Befragung aus dem Jahre 2008 konsumieren 6,8 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren eine selbst für Erwachsene riskante Alkoholmenge.

AlkoholismusDas Robert-Koch-Institut schätzte 2002 den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden auf 20 Milliarden Euro; Michael Adams schätzt die direkten Kosten bei Alkoholsucht (Behandlungskosten der verursachten Krankheiten) auf zehn Milliarden Euro, die Folgekosten (Arbeitsausfall, Frührente, Krankentagegeld) belaufen sich auf 16,7 Milliarden Euro. Andere Schätzungen kommen auf 15 bis 40 Milliarden Euro. Dem stehen ca. 2,2 Milliarden Euro staatliche Einnahmen durch Alkoholsteuern sowie ca. 2,5 Milliarden Euro Mehrwertsteuer gegenüber. Die Alkoholindustrie in Deutschland setzt zwischen 15 und 17 Milliarden Euro um und beschäftigt rund 85.000 Menschen. Das gesellschaftliche Ausmaß des Alkoholismus bei älteren Menschen wurde früher unterschätzt. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und der demografischen Entwicklung kann man nicht von einer sich selbst begrenzenden Krankheit ausgehen. Weltweit beträgt die Sterbequote durch Alkohol (inkl. Verkehrsunfällen, Krebs usw.) eins zu 25. In Europa stirbt einer von zehn Menschen vorzeitig an Folgen des Alkoholkonsums.

Europäische Union: Alkoholismus an dritter Stelle als Todesursache

7,4 Prozent der gesundheitlichen Störungen und vorzeitigen Todesfälle in Europa werden auf Alkohol zurückgeführt. Damit steht er an dritter Stelle als Ursache für vorzeitiges Versterben nach Tabakkonsum und Bluthochdruck. Er ist zugleich die häufigste Todesursache bei jungen Männern in der Europäischen Union (EU). Geschätzt wird, dass ca. 55 Millionen Menschen in der EU Alkohol in riskanter Weise konsumieren und weitere 23 Millionen abhängig sind. In der Region wird mit elf Litern reinem Alkohol pro Kopf doppelt so viel getrunken wie im weltweiten Durchschnitt. Der Anstieg des Komasaufens (Binge Drinking) unter Jugendlichen zwischen 1997 und 2007 ist dramatisch. Auch unter Erwachsenen wird es vermehrt praktiziert. Nach einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2003 beschrieben sich über 38 Prozent der männlichen Trinker in Polen und 30 Prozent der männlichen Trinker in Ungarn als wöchentliche Komasäufer (Binge Drinker), in Großbritannien sind es noch 24 Prozent, in Spanien hingegen nur 8,5 Prozent. Alkohol und seine Folgekrankheiten verursachen in diesem Gebiet etwa 195.000 Tote jährlich.

1849 wurde in Schweden Alkoholismus als Krankheit bezeichnet

a-Alkohol-foto arno BurgDer schwedische Arzt Magnus Huss definierte im Jahr 1849 als erster den Alkoholismus als Krankheit. Allerdings setzte sich diese Erkenntnis lange nicht durch. Abraham Baer, Gefängnisarzt in Berlin bezeichnete 1878 als Alkoholismus die Summe der Folgeschäden. Elin Morton Jellinek, der zeitweise für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeitete, setzte sich 1951 mit seiner, durch die Arbeit mit den „Anonymen Alkoholikern“ inspirierten Ansicht weltweit durch, dass Alkoholismus eine Krankheit sei. Die Folgen von Alkoholmissbrauch sind u. a.: Starkes oder zwanghaftes Verlangen, Alkohol zu konsumieren, verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich der Menge, körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp, Einengung des Denkens auf Alkohol (d. h. Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums), Verlust des Führerscheins oder des Arbeitsplatzes, Lebererkrankungen, Trennung des Lebenspartners, Rückzug des Bekannten- und Freundeskreises, eingeschränkte Urteils- und Leistungsfähigkeit, Enthemmung, Aggressivität, Streitlust, Gang- und Stehunsicherheit, Bindehautrötung, Bewusstseinsminderung, verwaschene Sprache.
Säufer-  oder Knollennase: Die Annahme, dass eine gerötete Knollennase (Rhinophym) ursächlich mit Alkoholmissbrauch zu tun habe, ist verbreitet, aber irrig. Allerdings beeinflusst der Konsum von Alkohol durch die Gefäßerweiterung die Entwicklung einer Knollennase  ungünstig.

Experten meinen, Alkohol sollte noch viel teurer verkauft werden

Bier aus aller WeltDie Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) forderte Mitte 2014 von der Bundesregierung eine wirksamere Suchtvorbeugung. Generell solle verboten werden, Jugendlichen Alkohol zu verkaufen – und zwar nicht nur Schnaps, fordern die Experten. Alkohol solle deutlich verteuert und nur noch in lizenzierten Geschäften verkauft werden. Bislang sei Alkohol zu Taschengeld-Preisen zu haben (dpa).

Alkohol als Ursache von Krankheiten

Genetische Ursachen: Die Forschung geht gegenwärtig davon aus, dass die Alkoholkrankheit zu 40 bis 60 % genetisch beeinflusst wird. Dies bezieht sich vor allem auf angeborene Unterschiede bezüglich der Alkoholverträglichkeit bzw. der Abbaukapazität der Leber.

Gesellschaftliche Ursachen: Alkohol ist in vielen Kulturen eine gesellschaftlich anerkannte, einfach und billig zu beschaffende Droge, deren Konsum in manchen Situationen geradezu erwartet wird. Beispiele sind die bürgerliche Trinkkultur (Feierabendbier), High-Society-Treffen (Whiskey und Zigarren) oder die Verbrüderung durch gemeinsames „Saufen“. Der Konsum von Alkohol wird bis zu einem gewissen Grad in allen Gesellschaftsschichten akzeptiert. Insbesondere von Männern wird oft eine gewisse Trinkfestigkeit als Beweis von Männlichkeit und Belastbarkeit erwartet. Da starker Alkoholkonsum die Alkoholtoleranz erhöht, fördert diese gesellschaftliche Statusdefinition auch die Verbreitung von Alkoholismus.

Familiäre Ursachen: Kinder suchtkranker Eltern werden statistisch gesehen häufiger abhängig als andere Kinder. Das Aufwachsen mit einem Suchtkranken in der Familie stellt eine erhebliche psychische Belastung dar. Physische, psychische und sexuelle Gewalt (sexueller Missbrauch) verbunden mit Sucht in der Herkunftsfamilie sind erhebliche Risikofaktoren. Töchter aus Sucht-Familien heiraten auch deutlich häufiger selbst wieder einen Alkoholiker. Günstig wirkt sich dagegen aus, wenn die Eltern ihre Alkoholabhängigkeit überwinden. Der erste Kontakt mit Alkohol findet zumeist auf Familienfeiern statt. Kinder aus Elternhäusern, in denen viel Tabak oder/und Alkohol konsumiert werden, fangen früher und intensiver an, damit zu experimentieren. Hierbei fällt auf, dass der Einfluss des Konsumverhaltens der Mutter größer ist als der des Vaters, was offenbar zum einen daran liegt, dass noch immer Mütter mehr an der Erziehung beteiligt sind. Erleben die Kinder das jedoch sehr negativ, können sie auch eine ablehnende Haltung gegenüber dem Alkohol entwickeln.

Anhaltender Alkoholismus bewirkt starke Wesensveränderungen

a-Alkohol-rp 143328752Die alkoholtoxische Wesensveränderung ist eine der schwerstwiegenden Folgen des Alkoholkonsums. Sie ist eine Vergiftung durch langjährigen und regelmäßigen Alkoholkonsum. Neben deutlicher Leistungsminderung und Störungen in der Leistung von Gedächtnis, Konzentration, Antrieb und Aufmerksamkeit fällt ein häufiges Auftreten von Eifersuchtswahn auf. Begleiterkrankungen sind Depressionen und zuvor nicht vorhandene psychotische Störungen. Zudem engen sich die Interessen stark auf die Sucht ein, während bisherige Interessen sowie Körperpflege und -hygiene stark vernachlässigt werden. Sehr problematisch ist auch die oft erhöhte Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Bis zu 35 Prozent der Fälle häuslicher Gewalt sind auf Alkoholkrankheit zurückzuführen. Zur Wesensveränderung gehört auch die Neigung, die Alkoholkrankheit zu leugnen oder zu bagatellisieren. Die Wesensveränderung ist bei Alkoholabhängigen unterschiedlich. Viele Alkoholkranke leiden, ohne es vollständig wahrzunehmen.

Folgen für die Familie sind oft dramatisch

Die Probleme eines Alkoholkranken werden oft vom Lebenspartner und von der ganzen Familie mitgetragen oder kompensiert. Einerseits gewinnen sie aus ihrer Hilfeleistung eine persönliche oder gesellschaftliche Anerkennung, andererseits auch eine Entwertung. Langfristig kann sich bei ihnen ein Ausgebranntsein entwickeln, das „Burnout-Syndrom“. Das Gefühl, dem Alkoholkranken zu helfen, kann anfangs das persönliche Selbstwertgefühl steigern. Später dominiert ein Gefühl der Hilflosigkeit. Dieses Verhalten ist als „Helfersyndrom“ bekannt.

Die Folgen: enorme Kosten durch Frühverrentung u. a.

Die Folgekosten der Alkoholkrankheit sind enorm. Neben erheblichen Kosten im Gesundheitssystem verursacht sie auch indirekte Kosten, z. B. durch Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung (volkswirtschaftliche Verluste), durch alkoholbedingte Verkehrsunfälle, Straftaten und erhöhte Scheidungsraten. Neben den materiellen Kosten gibt es sogenannte immaterielle wie verursachtes Leid und entgangenes Lebensglück in Partnerschaften, Familien, Freundschaften und im Kollegenkreis. Besonders leiden Kinder und Jugendliche in alkoholbelasteten Familien. Sie haben unter anderem in der Schule und beim Berufseinstieg vielfach schlechtere Chancen. Viele Kinder bekommen selber, zum Teil auch (epi-)genetisch bedingt, psychische oder Alkoholprobleme – teilweise lebenslang.


Quellen:
DZ vom 11. Juli 2013 und vom 21. Dezember 2013. – Jahresberichte der Caritas Sucht- und Drogenhilfe 2011, 2012, 2013. – Statistisches Bundesamt. – Nach Wikipedia (Online-Enzyklopädie; 2014).

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone
Dieser Beitrag wurde am veröffentlicht.
Abgelegt unter: , Suchtkrankheiten