Missbrauch und Kirche

Bischof Lettmann deckte als Generalvikar 1971 einen pädophilien Priester

Und wieder wurde 2018 ein anhaltender Missbrauchsfall eines pädophilien Priester entdeckt, den der damalige Generalvikar und spätere Bischof Reinhard Lettmann († 2013) deckte und versetzte ihn 1971 nach den Verfehlungen nach Rhede. Dort missbrauchte er erneut Kinder und Jugendliche. Auch im Ferienlager, wie Zeugen dem Bistum berichtet hatten. Und das, obwohl die Bistumsleitung von der Vorgeschichte des Mannes wusste. Der heutige stellvertretende Generalvikar des Bistums Münster, Jochen Reidegeld, bat im Namen des Bischofs im November 2018 bei den Opfern öffentlich um Vergebung. Von Versagen der Kirche war die Rede. Die katholische Kirche müsse jetzt endlich die Strukturen zerschlagen, die jahrzehntelanges Vertuschen erst möglich gemacht haben. Reidegeld sprach von Männerbünden und forderte, dass jetzt möglichst schnell auch Frauen Ämter übernehmen müssten: „Und da will ich nicht mehr hören, dass die Kirche dafür noch Generationen braucht.“

Strukturelles Versagen der Kirche und persönliches von Kirchenoberen

Dass der pädophilie Priester nicht nur im westlichen Münsterland Opfer gefunden hatte, wird beim Blick auf seine Versetzungsliste klar. Nach seiner Priesterweihe war er in Aldekerk, Waltrop, Bösensell, Dinslaken-Lohberg, Bockum-Hövel, Rhede, Marl und ab 1974 an Berufsschulen in Marl und Recklinghausen, an denen er als Religionslehrer engagiert war. „Wie konnte man einen Priester, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, an eine Schule versetzen? Wie konnte man ihn erneut in eine Pfarrei einsetzen?“, fragte Reidegeld. Er sprach von strukturellem Versagen der Kirche. Der spätere Bischof Lettmann (Foto) – damals noch im Amt des Generalvikars – hatte den Priester lediglich versetzt. Das ist schriftlich belegt. Offiziell haben sich allein aus der Gemeinde Rhede mehrere Opfer beim Bistum gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Das Bistum Münster kündigte an, mithilfe von Dritten die Vorwürfe aufzuarbeiten. Die Staatsanwaltschaft Münster prüft, ob Ermittlungen aufgenommen werden.

Papst macht Kindsmissbrauch in der Kirche weltweit zum Thema

Der Papst hat die Spitzen der nationalen Bischofskonferenzen aus aller Welt vom 21. bis 24. Februar 2019 in den Vatikan eingeladen. Es geht auch um Kindesmissbrauch und wie die katholische Kirche das Problem endlich in den Griff bekommen will. Papstsprecher Greg Burke nannte das Treffen gegenüber der Presse „beispiellos“. Kirchenführer auf der ganzen Welt müssten verstehen, welch  verheerenden“ Effekt Missbrauch auf die Opfer hätte. Während das Thema in Deutschland sehr prominent ist, tut sich aber in anderen Teilen der Welt kaum etwas. In Afrika, aber auch in einigen europäischen Ländern wie in Italien wird Missbrauch oft heruntergespielt, wenn nicht komplett ignoriert. Doch konkrete Entscheidungen werden bei dem Gipfel nicht geben. Die Konferenz ist kein Beschlussgremium. Beschlüsse können die Bischöfe vor Ort treffen, oder der Papst in Rom.
Im Jahr 2018 wurden die erschütternden Ergebnisse einer von den Bischöfen vor Jahren in Auftrag gegebenen Studie bekannt. Detailliert dröselten externe Wissenschaftler auf 356 Seiten ihre Recherchen auf – und stellten beispielsweise fest, dass nachweisbar zwischen 1946 und 2014 (mindestens) 1670 katholische Kleriker insgesamt 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen. Die puren Zahlen waren das eine – mehr noch verblüfften die Forscher aber mit ihrer Erkenntnis, das Missbrauchsrisiko in katholischen Einrichtungen bestehe auch heute noch. Als bedenkliche Faktoren nannten sie neben der umstrittenen Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) auch den „problematischen Umgang“ mit dem Thema Sexualität, den Schutz der Kirchenoberen bei Bekanntwerden ihrer Verbrechen und die ausgeprägte klerikale Macht einzelner Geistlicher.

Essens Bischof wirbt für Diskussion über Priesterbild und Sexualmoral

Vor einer Zeitenwende sieht der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck die katholische Kirche angesichts der Unruhe und des Zorns vieler Menschen aufgrund grundlegender Missstände in der Kirche. „Die alte Zeit ist zu Ende“, schrieb er in seinem „Wort des Bischofs“, das Anfang Januar 2019 in den Kirchen des Bistums verlesen wurde. Priesterbild und Weiheamt, Hierarchie, Zölibat, Frauenamt und Sexualmoral stünden auf der Tagesordnung. Eine breite Mehrheit der Gläubigen und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit erwarteten angesichts einer schon Jahre dauernden Diskussion nun eine ernsthafte Erneuerung der Kirche. Nun gehe es nicht darum, eine bestimmte, vertraute Gestalt der Kirche zu retten, sondern nach neuen Wegen zu suchen.


Quellen: Carsten Linnhoff in RN vom 29. Nov. 2018. – Annette Reuther/Michael Brehme „Die Kirche und der Missbrauch“ in RN vom 31. Dez. 2018

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