Geld (4) – Notgeld

1921 unabhängig vom Inflationsgeld als Geldersatz in Städten entstanden

In wirtschaftlichen Krisenzeiten, wenn es an wertvollen Metallen für Zahlungsmittel mangelte, druckten Städte, Gemeinden und andere größere Unternehmen ihr eigenes Geld, das dann als Notgeld in die Wirtschaftsgeschichte einging, in Deutschland vor allem in den Zeiten vor rund hundert Jahren. Die ältesten Formen des Notgeldes sind Belagerungsscheine aus dem 15. Jahrhundert. Während der Belagerung von Städten war eine Geldversorgung vielfach unmöglich. Häufiger wurde die Ausgabe von Notgeld Ende des 18. Jahrhunderts. Entsprechend gab es Notgeld-Münzen. Auch in Dorsten und der Herrlichkeit Lembeck. Nun kam es auch zu Aufwertungen bestehenden Papiergeldes als Notgeld.

Lokales Notgeld deckte Lücken im reichsweiten Bargeldbedarf

Das deutsche Notgeld während und nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich in vier Perioden unterteilen: erste Periode der kleinen Nominale, meist 50 Pfennig und 1 Mark, wurde durch das Horten silberner Reichsmünzen bei Kriegsausbruch 1914 notwendig. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden als Erstes in Ostpreußen 1914er-Notgeldscheine ausgegeben. Es folgten 1914/15 Ausgaben von 450 Stellen im ganzen Deutschen Reich. In der zweiten Periode zwischen 1916 und 1921/22 wurden wegen des Rohstoffmangels auch unedle Scheidemünzen knapp, zudem kam es ab Oktober 1918 wegen der absehbaren Kriegsniederlage zu einer generellen Bargeldhortung der Bevölkerung, so dass die Regierung Großindustrie, Städte und Gemeinden aufforderte, durch Notgeldscheine und Notmünzen Abhilfe zu schaffen. Insgesamt mehr als 580 Banken, Sparkassen, Städte, Gemeinden, Kreise und Privatfirmen sprangen in die Lücke und deckten den Bedarf mit eigenen Ausgaben. An vielen Orten entstand lokales Notgeld mit z. T. künstlerischen und stadthistorischen Motiven, so z. B. auch in Dorsten. Diese Ausgaben wurden am 17. Juli 1922 durch ein Reichsgesetz (RGBl. I, 693) verboten. Denn die steigende Inflation ließ alles unter den Händen zerrinnen, und die Druckereien kamen mit dem Drucken nicht mehr nach. So bemächtigte sich die Inflation des Jahres 1923 auch der Geldscheine in Dor­sten.
Ein Pfund frische Butter kostete im April 1923 runde 10.000 Mark. Herrensocken wurden zwischen 1800 und 4500 Mark gehandelt und Mako-Damenschlüpfer sogar mit 10.000 Mark. Wer sich den Luxus eines Konfirmanden-Anzuges leisten wollte, musste mit 200.000 Mark tief in die Tasche greifen. – Foto: 5 Pfennig-Münze der Herrlichkeit Lembeck.

Im Jahr 1923 waren  92.838.000.000.000.000.000 Papiermark im Umlauf

Neue ministerielle Vorschriften traten im August 1923 in Kraft, wodurch die vierte und letzte Phase des Notgeldes der deutschen Inflation eingeleitet wurde. Hierbei kamen meist Geldscheine und gedruckte Schecks zur Ausgabe, deren Nennwert etwas unter dem Nennwert der gleichzeitig kursierenden Reichsbanknoten lagen (zunächst 100.000 bis 5 Millionen Mark, im November in einigen Orten bis 100 Billionen Mark), um Wechselgeld in ausreichenden Mengen vorzuhalten. Nur für den 15. November 1923 sind zuverlässige Schätzungen des Bargeldumlaufs vorhanden, vom gesamten Bargeld im Wert von 988 Millionen Goldmark (= 92.838.000.000.000.000.000 Papiermark) liefen 154,73 Millionen Goldmark in Reichsbanknoten um, was bedeutet, dass 84 Prozent des Geldscheinumlaufs aus Notgeld bestand.

Münzen für die Herrlichkeit Lembeck aus Eisen mit der Femeiche

Für die Herrlichkeit Lembeck prägte das Doppelamt Lembeck-Altschermbeck 1919 die ersten eigenen 5- und 10-Pfennig-Münzen aus Eisen. Auf der Vorderseite dieser beiden Münzen sind der jeweilige Wert, die Jahreszahl und der Umlauftext „Herrlichkeit Lembeck“ zu sehen, auf den Rückseiten ist die Erler Eiche abgebildet mit der Umschrift: „1000jährige Vehm-Eiche zu Erle“ [sic!]. Schon Ende des Jahres 1919 hatte die Zehn-Pfennig-Münze nur noch einen Wert von einem Pfennig. Daher kam 1920 ein 50-Pfennig-Stück in gleicher Gestaltung wie die kleineren Werte heraus. Ende 1920 hatte auch diese Münze nur noch einen Wert von drei Pfennigen.

Stadtgeschichte im dekorativen Blick der Notgeldscheine

Die große Anzahl von variantenreich gestalteten Geldscheinen mit viel Lokalkolorit erweckte bald auch das Interesse von Sammlern, was dazu führte, dass viele Notgeldscheine gar nicht mehr für den Umlauf, sondern eigens für die Sammler gedruckt und ausgegeben wurden. Solche Scheine nannte man „Serienscheine“. Städte bedruckten ihre bunten Notgeldscheine meist mit Darstellungen aus ihrer Ortsgeschichte – gruselige wie idyllische. Im Laufe der Inflation wurden diese bunten Scheine allerdings verboten, als die Inflations-Kassenscheine mit Billionenwerten in Umlauf kamen. Dorsten druckte anlässlich der 650-jährigen Wiederkehr der Stadterhebung 1921 vier bunte Notgeldscheine zu 50 Pfennigen, ein, zwei und drei Mark. Diese Kassenscheine zeigen die Stadt aus unterschiedlichen Perspektiven sowie Motive der Stadtgeschichte. Am 23. Dezember 1382 be­endeten die Dorstener siegreich die Fehde mit dem Geschlecht der Merveldter, am 26. Februar 1588 besiegte die Stadt die Truchsessischen. Dorsten nahm Anfang 1922 die 675-Jahr-Feier der Stadterhebung zum Anlass für eine Serie „Jubiläumsgeld“. Sie ist aber keine fortlaufende Bildergeschichte. Neben Stadt­ansichten wurden einfache Zeichnungen mit heimatgeschichtlichen Bezügen und platt­deutschen Texten unterlegt. Die Abbildun­gen dokumentieren phantasievoll einige Episoden der Stadtgeschichte.
Der 50-Pfennig-Schein aus dem Jahre 1922 zeigt den Dorstener Marktplatz. Die bekannte Merian-Stadtansicht mit dem Text „Hei sleig sik hals­öwerkopp düer de dämpe flog achteraes in de Disschen Kämpe“ ziert den 1-Mark-Schein. Die Stadtbelagerung durch die truchsessischen Mannen ist auf dem 2-Mark-Schein abgebildet. Der Text lautet: „Do drewen met imen, füer und peck, de wie wer van un purtem em weg.“
Die beherzte Verteidigung der Stadt (1588) gegen den Grafen Johann Philipp von Ober­stein, Parteigänger des abgesetzten Kurfür­sten, ist auf dem 3-Mark-Schein mit dem Text vermerkt: „Jan Philipp woll met pilwer un brand, Stadt Dorsten scheiten tau asche un sand.“

Währungsreform machte dem Geldschein-Spuk 1923 ein Ende

Die anfangs als Notgeld verwendeten Ausgaben entwickelten sich immer mehr zum Spekulationsgeschäft. Das 1-Billion-Mark-Stück der Provinz Westfalen von 1923, die Münze mit dem höchsten Nennwert der Inflationszeit, war allerdings zum Zeitpunkt ihrer geplanten Ausgabe durch die Hyperinflation bereits entwertet worden. Die Prägung konnte daher erst nach der Inflation 1924 als Erinnerungsstück verkauft werden. – Am 15. November 1923 machte die Währungsreform dem „preistreibenden“ Geldschein-Spuk ein Ende. Die Renten­mark wurde neues Zahlungsmittel. Man gab sich wieder mit normalen Zahlen und Prei­sen ab.


Quellen: – Wolf Stegemann „Notgeld dokumentiert Geschichte“ in Ruhr-Nachrichten (heute DZ) vom 28. Sept. 1983. – Wolf Stegemann „10.000 Mark für ein Pfund Butter“ in Stegemann/Klapsink „Dorsten zwischen Kaiserreich und Hakenkreuz“, Dorsten 1987. Michael Langenhorst „Notgeld in Lembeck“ in „Vestgeld, Zahlungsmittel im Vest und Kreis Recklinghausen“ (Ausstellungskatalog), hg. vom Arbeitskreis Archive und Museen im Kreis Recklinghausen und Bürgermeister der Stadt Gladbeck, 2009. – Wikipedia (Aufruf Notgeld 2022).

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