Lehmann, Karl und Christa

Kofferfabrik in Dorsten aufgebaut – nach dem Scheitern Suizid

Mit den Inhabern der früheren Kofferfabrik Walter und Hans Lehmann in Dorsten verbindet sich ein besonders tragisches Schicksal, das die Tochter Barbara Lehmann 2002 in der „Zeit“-Beilage „Lebensart“ veröffentlichte. Ihre Eltern Karl und Christa Lehmann hatten 1998 nach 44 Jahren Ehe in einem Kölner Hotel gemeinsam Suizid begangen. Ein Fön in der Sitzbadewanne löschte das Leben der beiden aus.

„Das Klingeln des Telefons durchschnitt die Stille. Hier ist die Kriminalpolizei Köln. Ihre Eltern Karl und Christa Lehmann sind vor einer Woche in einem Hotel tot aufgefunden worden. Sie haben gemeinsam Suizid verübt. Die Sätze bohrten sich durch den Körper der Tochter. Computermonitor und Tastatur auf dem Schreibtisch wuchsen und rückten bedrohlich auf sie zu. Das Zimmer kippte. Ihr Kopf war ein schwarzer Ball, der gegen die Wände stieß. Jetzt hatten sie es also doch getan.“

Im Abschiedsbrief äußert der Vater den Wunsch, man möge die Urnen im Familiengrab im thüringischen Tabarz beisetzen und nur der Pfarrer solle anwesend sein. Karl und Christa Lehmann waren zu Getriebenen geworden, schreibt die einzige Tochter.

„Die Kulisse des Wohlstands bildete ihr Lebenselixier. Durch die Trümmerkrater des Nachkriegsdeutschlands wurde die schöne junge Christa Adloff im Mercedes chauffiert. Als Frühwaise war sie Alleinerbin der Thüringer Gummifabrik C. A.“

Ausgestattet mit Sportwagen und großzügiger Apanage

Die Millionenerbin Christa Adloff aus dem Thüringer Wald und Karl Lehmann verlobte sich 1949 auf Vermittlung eines Onkels. Karl Lehmann war gerade aus vierjähriger Kriegsgefangenschaft aus der Sowjetunion „impotent und krank“ heimgekehrt. Danach studierte er, von der Familie ausgestattet mit Sportwagen und großzügiger Apanage, in Krefeld Textilingenieurwesen, um die Gummiwerke seiner Schwiegereltern in der DDR einmal zu übernehmen. Das gute Nachkriegsleben zerplatzte bald, als 1953 das Finanzministerium Ost-Berlin eine Betriebsprüfung durchführte, und angebliche Verstöße gegen die Wirtschaftsgesetze der DDR fand. Das Finanzministerium drohte mit einer Durchsuchung durch die Wirtschaftskommission. Christa Adloff, die gewesene Millionenerbin, floh mit einem Koffer voll Familiensilber und Dokumenten über den Berliner Anhalter Bahnhof in den Westen.

Karl Lehmann und Christa Adloff heirateten. Karl Lehmann stieg in die 1949 in Dorsten von seinem Vater wiederbegründete Kofferfabrik ein und baute sie mit ihm auf. Die Familie hatte bis Kriegsende in Sachsen eine Kofferfabrik, die aber gleich nach dem Krieg enteignet worden war. Noch 1966 hatte die Kofferfabrik Lehmann in der Dorstener Altstadt 46 Beschäftigte, zwei Jahre später musste die Firma den Vergleich anmelden.

Familie verzog von Dorsten nach Köln

Für Karl Lehmanns Tochter Barbara war dies eine Zeit der „Hysterie und  Tränen“ und der dramatischen Szenen in der Familie („dein Vater ist ein Versager, wir müssen uns trennen!“). Barbara Lehmann:

„Eines Abends nahm die Mutter die kleine Tochter zu sich ins Ehebett, morgens lag sie reglos neben ihr. Das Geschrei des Kindes hat wohl die Nachbarn alarmiert, jedenfalls pumpte man der Mutter im Krankenhaus die Schlaftabletten aus dem Leib. Doch darüber sprach man nicht. Eine gläserne Wand schob sich unmerklich zwischen die Welt und die Tochter.“

Die Familie verließ Dorsten und verzog nach Köln. Barbara Lehmann weiter:

„Der neue weiß gekachelte Bungalow, den die Familie bezog, hatte sogar einen Swimmingpool, in den Wohnsilos, daneben wohnte das Volk, Typen mit Bärten und Arbeiterhosen, wie der Vater sagte, mit denen hatten sie nichts zu tun, sie verkehrten nur mit den Chefs aus den Bungalows. Der Vater fuhr von früh bis spät als Handelsvertreter für Koffer durchs Land, die Ehefrau jagte pünktlich ab acht Uhr morgens dem Staub hinterher und lehrte das ungezogene Kind, immer wieder auch mit Rohrstock und Hausarrest, wie man sich anständig zu benehmen hat. […] Vom Lastenausgleichsamt bekamen sie eine dicke Entschädigung, davon wurde ein Hausbau angezahlt, und jetzt hatten sie endlich auch ein Hallenbad.“

Tochter Barbara studierte in München Theaterwissenschaft. Ende der siebziger Jahre war die Mutter ihr Hausfrauendasein leid, studierte mit 50 Jahren Sozialarbeit an der Fachhochschule in Köln, arbeitete sogar als Sozialarbeiterin bei einer Nervenärztin – ihre beste Zeit. Karl Lehmann verlor seine Arbeit, die Familie lebte vom Verdienst der Mutter und zog in eine Mietwohnung nach Köln. Karl Lehmann hatte einen Rentenanspruch von 500 Mark: aus der Soldaten- und Kriegsgefangenschaftszeit.

Adloff-Werke nach der Wende nur noch als Ruine zurückgegeben

Nach der Wende bekam Christa Lehmann ihr früheres Wohnhaus und die stillgelegte Adloff-Fabrik auf 20.000 Quadratmetern und alten Ruinen zurück. Der Abriss der baufälligen Hallen und die Beseitigung der Altlasten sollten 1,2 Millionen Mark kosten. Auflagen und Schulden wuchsen, die Familie ging an der Rückübertragung bankrot. Ein Gang zur Sparkasse und das Betteln um einen Kredit hatten keinen Erfolg. Ein letztes Telefonat der Tochter mit der Mutter, ein paar Monate später, führte zum endgültigen Bruch.

„Dein Vater und ich wollen uns umbringen, damit dir noch ein Erbe bleibt, sagte sie da. Mein Leben ist verpfuscht. Diese Worte schnürten der Tochter die Kehle zu. Die Welt wurde, wie schon in der Kindheit, ein schwarzer Trichter, der sie in sich aufzusaugen schien. Unsere Tochter hat den Kontakt zu uns abgebrochen, schrieb die Mutter am Vortag ihres Todes in ihrem Abschiedsbrief. Sie darf auf keinen Fall benachrichtigt werden. Unser Schmerz darüber ist groß.“

Die Tochter atmete auf, als die Notarin ihr sagte, dass sie enterbt worden sei. Jetzt liegen sie, die in Dorsten nach dem Krieg ihre Kofferfabrik wieder aufbauten und damit scheiterten, wie sie es wollten, im Thüringer Familiengrab.


Quelle:
Gekürzt nach Barbara Lehmann „Jetzt haben sie es doch getan“ in „Die Zeit-Lebensart“ 36/2.

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